Ein ungewöhnlich friedlicher Kopfsteher, ein farbenprächtiger Eidechsensalmler, eine zänkische Tigerschmerle und eine neue Apistogramma-Zuchtform zeigen, wie viel Sorgfalt Bestimmung und Haltung erfordern können.
Wer Zierfische abseits der bekannten Standardarten pflegen möchte, stößt schnell auf Fragen: Um welche Art handelt es sich bei einem Neuimport überhaupt, wie groß wird der Fisch, und wie verträgt er sich mit Artgenossen und Mitbewohnern? Gerade bei selten gehandelten Wildfängen ist die Bestimmung oft anspruchsvoll, weil Lebendfotos fehlen und sich ähnliche Arten kaum unterscheiden lassen. Bei Zuchtformen wiederum steht die Frage im Raum, was sich hinter einem neuen Handelsnamen verbirgt und ob sich die Pflege vom Ursprungsfisch unterscheidet. Die Reihe „Raritäten & Neuimporte im Fokus“ auf my-fish.org ordnet genau solche Fälle sachlich ein und benennt Haltungshürden offen, etwa bei Endgröße, Sozialverhalten, Futter und Vergesellschaftung. Diese Ausgabe führt vom Bestimmungsrätsel über seltene Schwarmfische bis zur frisch gezüchteten Farbvariante und liefert Aquarianerinnen und Aquarianern praxisnahe Orientierung vor dem Kauf.

Schizodon scotorhabdotus – Orinoko-Kopfsteher (WF)
Die Kopfsteher (Anostomidae) sind eine ausgesprochen artenreiche Familie: Nach aktuellem Stand (Sidlauskas et al., 2025) werden rund 150 Arten in 17 Gattungen unterschieden. Nur wenige davon sind je im Hobby aufgetaucht, von den meisten existieren nicht einmal brauchbare Lebendfotos. Das macht die Bestimmung importierter Tiere schwierig, zumal die Gattungen anhand der Bezahnung abgegrenzt werden, die sich am lebenden Fisch naturgemäß nicht prüfen lässt. So auch hier: Bei einem in kleiner Stückzahl aus Kolumbien importierten Kopfsteher dachte man zunächst an Laemolyta taeniata, zumal Jungtiere von Schizodon ein stark nach oben gerichtetes Maul haben, das dem erwachsener Laemolyta ähnelt. Nach der Eingewöhnung zeigte sich bei genauerem Hinsehen jedoch ein extrem breiter Kopf mit weit auseinanderstehenden Augen, der nicht zu dieser Art passte. Die Recherche führte schließlich zu Schizodon scotorhabdotus, einer 2007 aus dem Orinoko-System in Venezuela und Kolumbien beschriebenen Art, in deren Beschreibung sogar eine Abbildung aus Gérys „Characoids of the World“ (1977) genannt wird, die bis dahin als unbestimmter Anostomide galt.Schizodon scotorhabdotus ist ein größerer Kopfsteher, der bis etwa 27 Zentimeter Standardlänge erreicht. Er lebt in der Natur in ruhigen Gewässern wie Lagunen und Tümpeln der Orinoko-Tiefebene. Das bedeutet: Wer Jungtiere erwirbt, benötigt langfristig ein entsprechend großes Aquarium von mindestens 150 Zentimetern Länge mit viel Schwimmraum und einer gut schließenden Abdeckung, denn Kopfsteher sind ausgezeichnete Springer. Auffällig ist das Sozialverhalten. Kopfsteher kommen untereinander zwar meist zurecht, doch bei den anfangs kaum vermeidbaren Rangordnungsstreitigkeiten entstehen fast immer leichte Flossenschäden. Bei dieser Art wurde das nicht beobachtet; sie gilt als ausgesprochen friedlich gegenüber Artgenossen. Kleinste Salmler werden in der Regel ignoriert. Vorsicht ist dagegen bei Panzerwelsen geboten, denn deren Rückenflossen verleiten die Kopfsteher immer wieder zum Zubeißen.Bei der Ernährung ist zu beachten, dass Schizodon als überwiegend pflanzenfressend gelten, es sollte also pflanzliche Kost im Mittelpunkt stehen; bei Aquarienpflanzen ist mit Fraßschäden zu rechnen. Wurmfutter wie Tubifex wird zwar heißhungrig gefressen, sollte aber nur sparsam gereicht werden, da der Darm von Pflanzenfressern auf eine solche Kost nicht eingestellt ist. Die Wassertemperatur kann zwischen 22 und 28 °C liegen, die Wasserwerte gelten für die reine Pflege als weniger kritisch. Über die Bedingungen für eine Nachzucht ist wenig bekannt; im Freiland laichen Paare in dicht bewachsenen Bereichen.






Iguanodectes geisleri – Geislers Eidechsensalmler (WF)
Eidechsensalmler der Gattung Iguanodectes sind sehr seltene Aquarienbewohner; derzeit sind acht Arten anerkannt. Der farblich besonders attraktive Iguanodectes geisleri wird gelegentlich aus Venezuela importiert; sein Verbreitungsgebiet umfasst den oberen Orinoko sowie Rio Negro und Rio Madeira in Brasilien. Dieser Schwarzwasserbewohner fällt durch eine dreifarbige Längsbinde in Rot, Gold und Schwarz auf. Der Gattungsname bedeutet „Leguan-Beißer“ und bezieht sich auf die Bezahnung, der deutsche Name Eidechsensalmler ist daran angelehnt. Der Artname ehrt Rolf Geisler (1925–2012).Die balzaktiven Männchen sind an roten Bauch-, After- und Schwanzflossen zu erkennen, die bei den Weibchen stets durchsichtig bleiben; zusätzlich tragen die Männchen eine rote Linie entlang des Rückens. Häufig ist in den Importen als Beifang eine zweite, ähnliche Art enthalten: Iguanodectes adujai. Sie trägt nur eine zweifarbige Längsbinde in Rot und Gelb ohne den schwarzen Streifen darunter und hat eine erheblich längere Afterflosse, die bereits unter der Rückenflosse beginnt, während sie bei I. geisleri erst deutlich dahinter ansetzt. Ein weiteres Merkmal ist der bei I. adujai meist gut sichtbare Schwanzwurzelfleck; bei I. geisleri sind lediglich die mittleren Schwanzflossenstrahlen schwarz gefärbt.Die Art bleibt mit etwa 5,5 Zentimetern Standardlänge (Gesamtlänge knapp 6 Zentimeter) klein und lebt als friedlicher Schwarmfisch; empfehlenswert sind Gruppen ab etwa acht Tieren mit mehr Weibchen als Männchen, damit die Männchen sich nicht gegenseitig bedrängen. Als Schwarzwasserbewohner bevorzugt sie weiches, leicht saures Wasser (pH 5,0 bis 7,0) bei 22 bis 26 °C; zur Nachzucht sollte das Wasser weich und sauer sein, und die Färbung ist in Schwarzwasser am intensivsten. Die Tiere reagieren empfindlich auf schlechte Wasserqualität und gehören in ein eingefahrenes Aquarium mit ausreichend Länge, etwa ab 120 Zentimetern. Rivalisierende Männchen beißen sich gern in die Rückenflosse, die Schäden sind jedoch harmlos und heilen von selbst aus. Im Aquarium sind die Tiere als Allesfresser unkompliziert zu ernähren.






Syncrossus berdmorei – Burma-Tigerschmerle (NZ)
Die Tigerschmerlen (Syncrossus) sind eine Gattung relativ großwüchsiger, ausgesprochen schöner Schmerlen, die früher zur Gattung Botia gezählt wurde. Je nach Auffassung werden sechs bis sieben Arten unterschieden. Syncrossus berdmorei ist leider nur gelegentlich erhältlich und gehört farblich zu den schönsten Vertretern. Ihr natürliches Vorkommen liegt in Myanmar (Irrawaddy-, Sittaung- und Salween-System) und Indien; die Angabe „Tenasserim-Provinzen“ in der Erstbeschreibung ist nur eine vage Typusangabe. Es gibt auch Berichte über Funde im Grenzgebiet zu Thailand. Zusätzlich wird die Art in Indonesien nachgezüchtet.Bei der Bestimmung kommt es immer wieder zu Verwechslungen; in älterer Aquarienliteratur wurde unter dem Namen S. berdmorei meist S. beauforti abgebildet. Drei Arten tragen zusätzlich zu den senkrechten Streifen Punkte auf den Flanken, die mitunter erst ab etwa 5 Zentimetern Länge sichtbar werden: S. beauforti, S. berdmorei und S. helodes. S. beauforti hat nur relativ kleine Punkte, die schon bei Jungtieren in Reihen über Körper und Kopf verteilt sind. Bei S. berdmorei sind die Punkte vergleichsweise größer, sitzen nur auf dem Vorderkörper unmittelbar hinter dem Kopf, verteilen sich über die gesamte Körperhöhe und reichen kaum je über den Ansatz der Rückenflosse hinaus. S. helodes hat wiederum größere Punkte, vorwiegend im Bauchbereich, bis weit unter die Rückenflosse. Ob diese Abgrenzung zutrifft, ist unsicher, da die gesamte Gattung dringend einer Revision bedarf.Alle Tigerschmerlen gelten als zänkisch. Sie werden deshalb am besten in größeren Gruppen gepflegt, ähnlich wie afrikanische Buntbarsche, damit sich die Aggressionen verteilen können; die Literatur empfiehlt mindestens fünf bis sechs, besser mehr Tiere. Auch bei anderen Gesellschaftsfischen ist Vorsicht geboten, mit kleinen und sensiblen Arten dürfen die relativ aufdringlichen Schmerlen auf keinen Fall vergesellschaftet werden. Die Größenangaben schwanken: Im Aquarium werden häufig etwa 15 Zentimeter genannt, die Literatur gibt für die Art bis zu 25 Zentimeter Standardlänge an, entsprechend großzügig sollte das Becken geplant werden; empfohlen werden Aquarien ab etwa 150 bis 180 Zentimetern Länge. Das Futter ist unkompliziert, wichtig sind sauberes, gut durchlüftetes Wasser und eine Wassertemperatur von etwa 21 bis 26 °C. Wie alle Prachtschmerlen sind sie hervorragende Schneckenvertilger.






Apistogramma agassizii „Blue Flame“ – Agassiz-Zwergbuntbarsch „Blue Flame“ (NZ)
Apistogramma agassizii bietet im Farbkleid reichlich Abwechslung: Lokalpopulationen, individuelle Farbabweichungen und Zuchtformen unterscheiden sich teils deutlich. Eine jüngere Zuchtform ist „Blue Flame“. Bei ihr ist der Körper der Männchen neonblau, die Schwanzflosse leuchtend orangerot. Ansonsten handelt es sich um ganz normale Apistogramma agassizii: pflegeleicht, gegenüber anderen Arten verträglich und spannend zu beobachten.
Männchen werden etwa 8 Zentimeter groß, Weibchen bleiben mit 4 bis 5 Zentimetern deutlich kleiner. Die Wassertemperatur sollte zwischen 22 und 28 °C liegen. Zuchtformen gelten als weniger anspruchsvoll als Wildfänge, bevorzugen aber dennoch weiches, leicht saures Wasser (pH etwa 5,0 bis 7,0) und reagieren empfindlich auf hohe Nitratwerte; für die Nachzucht empfiehlt sich besonders weiches, saures Wasser. Als Allesfresser nehmen die Tiere unterschiedliches Futter an, Lebend- und Frostfutter sollte regelmäßig dazugehören. Für ein Paar genügt ein Aquarium mit rund 60 Zentimetern Kantenlänge, mehr Platz benötigen Gruppen.
Das Sozialverhalten ist vergleichsweise friedlich, mit sozialer Rangordnung und Haremsbildung: Ein Männchen verteidigt ein größeres Revier, in dem mehrere Weibchen ihre eigenen Höhlenreviere haben. Die Eier werden an der Höhlendecke abgelegt; das Weibchen betreut Gelege und Brut allein (Mutterfamilie), das Männchen verteidigt das Revier. Während der Brutzeit sind Weibchen und Männchen territorial. Ausreichend Verstecke, etwa Höhlen und Wurzeln, helfen, Streit zu entschärfen, und sind für die Fortpflanzung wichtig.






Quelle: Frank Schäfer – Aquarium Glaser GmbH
























