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Biotop-Aquaristik

Foto: Fenja Hardel - Das Biotop
Foto: Fenja Hardel – Das Biotop

 

Als Biotop bezeichnet man einen Bereich, der durch bestimmte Faktoren eingegrenzt ist und eine biologische Lebensgemeinschaft enthält. Das klingt erst mal kompliziert, bedeutet aber nichts anderes, als dass mit Flussbiotop zum Beispiel das Gewässer in einem bestimmten Abschnitt, der in sich relativ gleichförmig ist, gemeint ist, und nicht der Wald, der darum steht und durch den Übergang von Wasser zu Land abgegrenzt ist.

Das Wort ist aus den griechischen Begriffen bíos “Leben” und tópos “Ort” zusammengesetzt. Die Biotopaquaristik gibt es übrigens schon sehr lange, weit länger als den “bio hype” der letzten Jahre, und ihr Ziel ist, ein Aquarium so einzurichten, wie der tatsächliche “Lebensort” der Bewohner in ihrem Herkunftsgebiet aussieht.

Vielleicht überrascht es Dich, aber das “Normalaquarium” ist meistens himmelweit davon entfernt, auszusehen wie die natürliche Umwelt der Pfleglinge. Das ist nicht schlimm, die Fische können sich auch dort wohl fühlen. Dennoch ist die Biotopaquaristik ein höchst spannender Spezialzweig in unserem Hobby und erfreut sich in letzter Zeit immer zunehmender Beliebtheit.

Was ist also das Besondere daran?

 

Recherche

Man muss erst einmal herausfinden, wie es bei den Tieren “zu Hause” eigentlich aussieht. Am abenteuerlichsten wäre es natürlich, selbst die Herkunftsorte zu bereisen, sich Expeditionen anzuschließen und eigene, direkte Erfahrungen zu machen. Die heimische Recherche tut es aber auch schon – inzwischen gibt es zahlreiche Blogs und detaillierte Berichte über Expeditionen mit Bildern und Videos, die einen detaillierten Einblick in das natürliche Biotop geben. Hier ist Detektivarbeit gefragt, die an sich schon sehr viel Spaß macht. Um ein Biotopaquarium einzurichten, müssen wir ganz viel über den natürlichen Lebensraum wissen. Welche Lebewesen kommen gemeinsam vor? Welcher Bodengrund ist in dem Gewässer zu finden, welche Pflanzen, wie sind die Wasserwerte, das Licht, die Strömung? Und wie verändern diese sich gegebenenfalls über das Jahr hinweg?

Auf diese Fragen wollen wir in unserem Facettenbereich Biotop Aquaristik eingehen.

 

Das Biotop Becken

Zunächst müssen wir uns für ein Biotop entscheiden. Zumeist ist hier die Reihenfolge, dass wir eine bestimmte Fisch- oder Wirbellosenart halten wollen, und uns dann den Ort ansehen, wo sie her kommen. Nun ist ein Aquarium ja immer nur ein kleiner Ausschnitt. Können wir theoretisch einen Quadratmeter Amazonas ausheben, in ein Aquarium setzen und fertig ist das Biotop? Das wird kaum attraktiv sein. In den Naturgewässern sind verhältnismäßig riesige Flächen immer gleichförmig – und ein Aquarium mit Schlick und etwas toter Biomasse sieht weder gut aus, noch entspricht es dem, was wir gemeinhin als Biotopaquarium verstehen.

Das “Biotop” umfasst ja per Definition den gesamten Lebensort, das würde hier also das Ufer, die Flachwasserzone und die tieferen Gebiete einschließen, die völlig unterschiedlich aussehen. Wir müssen also im Aquarium das Biotop herunterskalieren und geschickt Übergangsbereiche oder besonders abwechslungsreiche Ausschnitte zum Nachbauen wählen.

Dabei sind wir mit einer großen Grundfläche des Beckens meist besser beraten, als mit großer Höhe. Die Standardmaße bieten, damit sie auf handelsübliche Möbel passen, meist wenig Tiefe. Der Ausschnitt ist von der Fläche her dementsprechend klein, und man sollte sich überlegen, ob der Griff zur Spezialanfertigung mit mehr Tiefe für das gewählte Biotop das Richtige ist. Gerade die Tiefe bietet uns bei der Gestaltung viel mehr Möglichkeiten und den Fischen mehr Fläche, um Reviere zu bilden oder zu schwärmen. Viele der natürlichen Gewässer unserer Zierfische sind eher flach, insofern kann man auf eine große Höhe des Aquariums, die ein entsprechend größeres Volumen mit sich bringt, oft verzichten.

Die Höhe des Beckens wird dann wichtig, wenn man die unterschiedlichen Wasserschichten mit Bewohnern besetzen möchte, die auch in der Natur “übereinander” vorkommen, oder das Biotop zum Beispiel eine senkrechte Felswand ist oder die Bewohner besonders hochflossig sind, wie Skalare.

Für ein stark strömendes Bachbecken wäre ein lang gestrecktes, weder besonders hohes noch nach hinten tiefes Becken geeignet, damit man eine intensive Strömung technisch einfacher umsetzen kann.

 

Beckengröße

Im Vergleich zur Natur sind unsere Aquarien natürlich winzig klein. Um unserem Motto, die Tiere naturnah zu pflegen, treu zu bleiben, versuchen wir das Becken im Verhältnis zu den Fischen möglichst groß zu wählen. Regeln wie 1 cm Fisch pro 2 cm Aquarium taugen nicht viel, sie würden auch einen 30 cm Hechtsalmler in einem 60er Becken erlauben. Eine bessere Faustregel ist, dass das Becken mindestens zehn mal so lang sein sollte, wie die Endgröße des größten gepflegten Fisches. Also zum Beispiel 100 cm für Fische, die ausgewachsen 10 cm lang werden. Aber diese Regel gilt wieder nicht für besonders kleine Fische. Auch der 2 cm Zwergbärbling möchte nicht in einem 20 cm Gefäß gehalten werden, denn er braucht viel Schwimmraum. Der Flächenbedarf ist ganz entscheidend von dem Verhalten der Fische abhängig, das auch wiederum recherchiert werden muss.

Ein größeres Becken wird den Fischen immer gefallen. Man muss den Kompromiss finden zu dem Aufwand, den man bereit ist zu treiben, denn natürlich macht ein größeres Becken beim Wasserwechsel mehr Arbeit und verbraucht mehr Strom und Ressourcen.

Heimatbiotop_auquaristik042014
Foto: JBL

 

Der Bodengrund

Komplett imitieren können wir den ja theoretisch endlos tiefen Bodenaufbau der Natur nicht. Wir versuchen also die oberste Schicht des Bodengrundes in Hinblick auf Körnung, Material und Farbe nachzustellen. Der Bodenaufbau ist an den verschiedenen Orten völlig unterschiedlich. Als Beispiel können wir Malawi- und Tanganjikasee heran ziehen, wo Fische in Felsenriffen leben und kaum Zugang zu Sandboden haben. In schnell fließenden Gebirgsbächen wird jegliches feine Material davon getragen und nur glatt geschliffene Kiesel und Felsen bilden den Boden. Entsprechend gibt es kaum Pflanzen aber dafür oft dichten Aufwuchs auf den Steinen. In anderen Gewässern gibt es Sandboden, der mehr oder weniger mit einer Schicht abgestorbenem organischen Materials bedeckt ist – teils dicker Schichten von gefallenen Ästen und Laub oder auch ein feiner Schlamm. An Übergangsbereichen kommen auch verschiedene Bodengründe auf kleinem Raum vor.

Der Bodengrund ist die Basis sowohl für die Pflanzen als auch die Fische. Gerade Bodenbewohner sind an ihn mit ihrer Maulform und Futtersuche angepasst, und für viele Fische ist er auch “Nest” und damit Bedingung für die erfolgreiche Vermehrung. Daher sollte man schon hier beim Biotopaquarium auf die Originaltreue achten.

 

Pflanzen
Algenbiotop - Quelle: Heiko Blessin
Foto: JBL

Hier ist genauso Recherche von Nöten wie bei der Fauna. So wird man keinen Wasserkelch zusammen mit südamerikanischen Salmlern in einem Biotop antreffen, und genauso keine Amazonas Schwertpflanze beim asiatischen Betta. Auch Pflanzen haben bestimmte, eingegrenzte Vorkommensgebiete. Oft ist der Bewuchs in den Heimatgewässern durchaus kein Prachtgarten. Viele Flüsse sind sogar bis auf das Ufer komplett pflanzenfrei. In der Natur wird man auch längst keine so große Variationsbreite finden wie in einem Hollandaquarium. Im Gegenteil, oft kommen Wasserpflanzen auf weiten Strecken als “Monokultur” vor, weil eben kein Aquarianer die flutenden Stängelpflanzen einkürzt, damit das Perlkraut unten auch noch Licht bekommt. Algen kommen in der Natur durchaus vor, und teilweise in rauen Mengen.

Das muss aber nicht heißen, dass das Biotopaquarium weniger attraktiv ist. Auch wenn man sich auf sehr wenige Pflanzenarten beschränkt und als Dekoration ansonsten eher auf Holz und Steine zurück greift, kann der optische Eindruck ganz hervorragend und eben “natürlich” sein.

 

Licht

Vom sonnendurchfluteten Klarwasserbach bis zum von Bäumen völlig beschatteten und durch Huminstoffe ins kaffebraune getrübten Waldtümpel kann die Lichtsituation im heimatlichen Lebensraum ganz unterschiedlich sein, und auch das gehört zur Biotopaquaristik, hier das Richtige zu bieten. Sowohl die Pflanzen als auch die Fische sind daran angepasst. Hier helfen Fotos, Berichte, Videos und teilweise sogar Satellitenbilder, um zu entscheiden, welches Licht für das Projekt passt. Standardbeleuchtung kann man mit Schwimmpflanzen abschatten oder Spots benutzen um einzelne sonnenbeschienene Bereiche zu imitieren.

 

Strömung

Ist unser Biotop ein stehender Tümpel mit geringem Sauerstoffgehalt oder der kühlere, sauerstoffgesättigte Bergbach?

Die Anpassung an Strömung sowohl der Fauna als auch der Flora ist sehr hoch. Das betrifft den Sauerstoffbedarf genauso wie die körperliche Anpassung. Ein schnittiger Schwimmer braucht seinen “Sport”, eine Grundel mit zum Saugnapf ausgebildeten Bauchflossen kann ihr natürliches Verhalten in einem kaum durchströmten Aquarium nicht ausleben. Auf der anderen Seite sind Fische aus stehenden Gewässern mit viel Strömung überfordert. Die Strömung ist also ein sehr wichtiger Punkt, der im Biotopaquarium stimmen muss.

 

Wasserwerte

Selbstredend müssen die Temperatur und die Wasserwerte denen in der Natur entsprechen. Einzelne Messungen sind hier unter Umständen nicht aussagekräftig. Viele Gewässer verändern sich über das Jahr intensiv durch Austrocknung und Regenfälle. Das beeinflusst die Temperatur aber auch die Wasserwerte sehr stark, und wer es mit der Biotopaquaristik ganz genau betreiben will, bemüht sich, auch diese Schwankungen im Lauf des Jahres nachzuahmen.

Klimadiagramme für die Fundorte geben Aufschluss über Regenzeiten und die jährlichen Temperaturverläufe inklusive Nachtabsenkung. Auch das Futter verändert sich gegebenenfalls. Da gibt es Zeiten, zu denen die Moskitos sich vermehren und letztlich als dicker Teppich tot auf der Wasseroberfläche landen, und andere, wo Algenkost auf dem Speiseplan steht. Die Gleichförmigkeit, die in vielen Normalaquarien herrscht, ist sehr unnatürlich. Je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto gravierender sind die Unterschiede in den Jahreszeiten.

 

Einrichtung

Auch bei der Einrichtung orientiert man sich an der Natur. Liegen Äste und Wurzeln im Gewässer? Laub von welchen Bäumen fällt hinein? Gibt es bestimmtes Gestein, bestimmte Farben, die vorherrschen? Brauchen die gehaltenen Fische Verstecke, Höhlen oder Nischen?

Bei Wettbewerben werden die Juroren auch darauf achten, dass bei der Deko “Ortstreue” herrscht, und würden das Eichenblatt im Amazonas bemängeln.

 

Technik

Die Technik sollte möglichst gut versteckt werden, damit sie den natürlichen Eindruck nicht stört. Es gibt inzwischen zahlreiche technisch Möglichkeiten, auch Spezialwünsche der Bewohner zu erfüllen. Eventuell wird reißende Strömung benötigt, dementsprechend müssen kräftige Strömungspumpen her. Wird Belüftung für besonders sauerstoffbedürftige Fische gebraucht, wird auch sie am besten so eingerichtet, dass nicht irgendwo von einem Ausströmer ein auffälliger Vorhang Blasen aufsteigt.

3D Rückwände, gegebenenfalls selbst gebaut,  sind eine gute Möglichkeit, Technik dahinter zu verbergen. Moderne Beleuchtung bietet Flexibilität und zum Beispiel die Möglichkeit mit stark gerichteten Spots Sonnenlicht darzustellen.

 

Die Fische

Den “Lebensort” hätten wir damit kreiert, aber wer wohnt da eigentlich zusammen? Dass zwei Fischarten aus Südamerika kommen, heißt noch lange nicht, dass die sich dort jemals begegnet wären. Hier ist www.fishbase.de eine große Hilfe, in der genaue Fundorte angegeben werden. Auch in manchen Büchern und Onlineveröffentlichungen findet man Hinweise auf natürliche Lebensgemeinschaften. Schnecken und Garnelen gehören da selbstverständlich genauso zu. Im Biotopaquarium ist die Urform der Tiere gefragt, keine Zuchtformen, Schleierflossen und Sonderfarben.

 

Fazit

Wo man die Grenze der Originaltreue zieht, bleibt jedem selbst überlassen. Für Wettbewerbe müssen deutlich strengere Regeln eingehalten werden, als für das Becken, das “nur” den persönlichen Ansprüchen genügen muss.

Unser Fokus sollte stets sein, den Bewohnern unserer Aquarien ein möglichst angenehmes Leben zu bieten. Die Biotopaquaristik ist eine Sparte, die das durch die Nachahmung der Umstände erreicht, die die Fische in ihrer Heimat vorfinden und an die sie angepasst sind.

Biotopaquarien erfreuen durch ihr oft eigentümliches, nicht alltägliches Aussehen und Fische, die ihre natürlichen Verhaltensweisen möglichst uneingeschränkt ausleben können.

 

 

 

Quellen: Benjamin Hamann http://www.das-biotop.de/

Dähne Verlag