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Karl Gutsche – vom Hobby-Aquarianer zum Züchter

Hallo Aquarianer – Ich grüße Euch ! Mein Name ist Karl Gutsche. Inzwischen bin ich 81 Jahre alt und ich befasse mich auch jetzt noch täglich mit Zierfischen in der Zierfischzüchterei meiner Töchter.

Als wir, meine Schulfreunde und ich 1943 das erste mal Zierfische in Aquarien zu sehen bekamen, war das eine Sensation. Das einzige, was wir bis dahin kannten, waren Goldfische in Goldfischgläsern, doch Zierfische in richtigen Aquarien, eine Unterwasserwelt mit Pflanzen und Steinen, so etwas hatten wir noch nie gesehen. Wir waren begeistert!

Doch so einfach in den Besitz eines oder einiger Aquarien zu kommen war das damals im Krieg nicht. Wir fanden zwar heraus, dass es in Dresden am Altmarkt eine Zoohandlung gab, wo man Zierfische bekommen und schöne große Aquarien bewundern konnte, doch zu kaufen gab es die Aquarien nicht mehr. Produziert wurden nur noch die für den Krieg wichtigen Güter.

Wie kam ich also an so ein schönes großes Aquarium? Meine Mutter hatte ein schönes großes Kuchenblech. Ich überredete sie mir das zu überlassen. Das Kuchenblech schnitt ich mit einer Blechschere in Streifen und die Streifen wurden dann umgewinkelt und so hatten wir Winkeleisen, um ein Aquarium zu bauen. Mein Vater, gelernter Schlosser, nietete dann das ganze zu einem Aquarienrahmen zusammen, denn Silikon, womit man heute alle Arten und Formen zusammen kleben kann, gab es damals ja noch nicht. Unser Glaser hatte dann noch die benötigten Glasscheiben und Kitt und so nahm das ganze langsam Form an. Doch nun hatten wir noch ein Problem: Das Wasser darf ja nicht direkt an den Kitt kommen, denn sonst löst es langsam den Kitt auf. Die Innenkanten des Aquariums mussten also noch mit einer Isoliermasse ausgegossen werden. Dafür kam eine größere Kerze und dazu noch einmal die gleiche Menge Kolophonium (sieht aus wie brauner Kandiszucker) in einen Topf, das ganze wurde heiß gemacht und in die Innenkanten des Aquariums gegossen.

Dann kam die Heizung. Aquarienheizer, wie man sie heute kaufen kann, gab es nicht. Also fabrizierten wir für jedes Aquarium einen U Heizer. Dafür brauchten wir ein Glasrohr, etwa 25 mm dick aus feuerfestem Glas, das man mit einem Brenner erhitzen konnte und in die gewünschte Form biegen konnte. Dieses Heizungsrohr führte dann von der linken oberen Ecke nach unten in das Aquarium bis hoch zur rechten oberen Ecke. In die beiden Enden kam dann je ein Korken, der mit einem Loch versehen war. In beide Löcher kam dann je ein Kohlestift, der oben etwas eingekerbt war, damit man daran ein Stromkabel befestigen konnte. Die Kohlestifte waren einfach aus alten Taschenlampenbatterien herauszuholen. Der Inhalt des U Rohres war eine Lösung aus Wasser mit Salz. Die Heizleistung konnte man gut regulieren. Brauchte man mehr Heizleistung musste man noch mehr Salz in die Lösung tun, wollte man weniger Heizleistung so wurde die Salzlösung verdünnt. Alles ganz modern und elektrisch.

Guppynachkommen

Für die Durchlüftung brauchte man dann schon etwas mehr Kraftanstrengung. Die Röhrchen, Schlauch und Ausströmsteinchen gab es schon. Solche kleinen Luftpumpen wie man sie jetzt kaufen kann, gab es jedoch nicht. Kein Problem. Es wurde ein Autoreifen aufgepumpt und die Fische hatten für die nächsten Stunden oder auch Tage genug Luft. Fertig war das Aquarium und nur noch die Bewohner fehlten: Meine ersten Zierfische bekam ich von meinem Schulfreund Joachim Müller. Er überlies mir einige Guppys und nur Tage danach schwammen schon die ersten Jungen im Becken. Der Anfang meiner Fischzucht.

Zusammen mit einigen Freunden beschlossen wir 1945 eine Einkaufsreise für Zierfische nach Dresden zu unternehmen. Am 30. Januar fuhren wir los und im Geschäft am Altmarkt fanden wir, was wir haben wollten. Es war das erste Zoogeschäft, dass ich in meinem Leben kennen lernte. Gerade 14 Tage später, am 13. Februar erfolgte dann der große Luftangriff der Amerikaner auf Dresden, der die ganze Innenstadt zerstörte. In Biehla standen wir mit Entsetzen auf der Straße, der ganze südliche Himmel war rot. Ein paar Tage später setzte ich mich in den Zug und fuhr nach Dresden. Ich wollte wissen, was da passiert ist. Der Altmarkt war mit Trümmern bedeckt. Über den Altmarkt führte nur ein Fußgängerpfad von einer Seite zur anderen. Alle Häuser ringsum waren total zerstört. Welch ein Wahnsinn. Unsere ältere Generation hatte beschlossen sich gegenseitig ihre Städte zu zerstören. Ich stellte mir vor, dass vielleicht auch in London oder Coventry die Aquarianer vor den Trümmern ihrer ersten Zoohandlung standen und wahrscheinlich das selbe dachten wie ich: Hatten denn diese Politiker total den Verstand verloren? Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen.

In Dresden erfuhr ich dann auch, dass es auch eine Zierfischzüchterei gab, die Firma Härtel, am Stadtrand zu Radebeul, wo keine Bomben gefallen waren. Ich fand sie dann auch vor, unversehrt, und ich lernte damit die erste Zierfischzüchterei Deutschlands kennen, mit der ich seit dem für lange Zeit in Geschäftsverbindung stand. Wenn ich in Biehla neue Fische haben wollte, sammelte ich bei uns im Bindegraben etliche Liter Tubifex, fuhr damit nach Dresden und tauschte sie in Fische um.

Nach und nach musste ich mir für die vielen Fische natürlich immer mehr Aquarien bauen. Zum Glück hatten wir eine große Küche und in kurzer Zeit war diese zur Hälfte voll mit Aquarien. So entstand unsere erste Zierfischzüchterei, die erste in Biehla und Umgebung. Die Beschaffung von Lebendfutter für unsere Fische war nicht schwer. Im Bindegraben gab es Tubifex (rote Würmchen) in großen Mengen, besonders am Einfluss des Abwassers der Molkerei in Elsterwerda. Da sah der Boden des Grabens aus wie mit einem roten Teppich belegt. Auch Enchyträen (weiße Würmchen) waren leicht zu beschaffen und zwar direkt hinter unserem Haus im Komposthaufen der Fleischerei Hempel. Wenn man feststellte, dass sich genug Enchyträen entwickelt hatten, kam der Kompost in einen Eimer und dann kam Wasser drauf. Schon nach kurzer Zeit bekamen die Würmchen dann Sauerstoffmangel und kamen alle an die Oberfläche. Dort konnte man sie dann in großen Klumpen und vor allem ganz sauber abnehmen. Zum Glück waren aber nicht alle Bomben in den Gleisanlagen von Biehla und Elsterwerda gelandet. Ein Teil davon fiel in die Felder, Wiesen und Brachland der Umgebung. Dort hinterließen sie große Bombentrichter, die sich dann mit Wasser füllten. In diesen Bombentrichtern fand man alles was die Fische an Futter brauchten. Wasserflöhe, Cyclops und schwarze und weiße Mückenlarven.

Es hatte sich bald herumgesprochen, dass wir hier in unserer Wohnung Zierfische züchteten und die Leute kamen aus der näheren und oft auch ferneren Umgebung um diese bei uns zu erhalten. Die Nachfrage war so groß, dass wir gar nicht so viel züchten konnten. Unser Geld, die Reichsmark hatte ja kaum noch einen Wert und die Lebensmittelrationen die wir zugeteilt bekamen, konnten uns kaum noch vor dem Verhungern retten. Deshalb waren wir froh, wenn wir unsere Fische auch mal gegen Lebensmittel tauschen konnten.

1948 verließ ich dann Biehla und damit die russische Zone (DDR gab es noch nicht) und baute mir in Aachen eine neue Zierfischzüchterei auf. Ausgerechnet zur Zeit der Blockade von Berlin brauchte ich die ersten Fische, doch zu dieser Zeit gab es keine Interzonenzüge und auch keine Interzonenpässe mehr. Ich beschloss deshalb bei Nacht und Nebel schwarz über die Grenze zu gehen, wie es in dieser Zeit so manche machten. Heute gibt es für den Transport von Zierfischen Plastikbeutel. Kleine, große und alle Maße, je nach Bedarf. Damals gab es jedoch nur runde flache Blechkannen mit einer verengen Öffnung mit Deckel drauf. Zwei solcher Blechkannen hängte ich mir an einem Riemen über die Schulter, eine vorn vor den Bauch und eine hinten auf dem Rücken. Damit marschierte ich damals los bei Nacht. Ein Marsch von ca. 18 km lag vor mir. Dies war in der Gegend von Oschersleben, Hötensleben und in Westen Schöningen. Zum Glück kam ich „lebend“ auf einem kleinen Bahnhof in der Nähe von Schöningen an.

Die Zierfischzucht in Aachen konnte beginnen. Nach Ende der Blockade gab es wieder Interzonenpässe und Interzonen Züge und ich konnte noch eine Zeitlang bei Härtel einkaufen. Das waren damals nur noch Neonfische, die ich dann im Großhandel hier weiterverkaufte.

Anfangs beachteten die Grenzbeamten die kleinen Fische kaum, sie hatten nach ihrer Auffassung keinen Wert. Später änderte sich dies jedoch und man erkannte, dass diese Fischchen einen Handelswert hatten. Man konnte ja nicht zulassen, dass Leute aus dem Westen kamen und den Bürgern der DDR Westgeld in die Hände drückten. Das musste staatlich geregelt werden. Somit endeten dann meine Geschäftsbeziehungen mit der Firma Härtel.

Für mich war das weiter nicht schlimm. Ich hatte mir inzwischen ein Grundstück gekauft in einem Ort in der Nähe von Aachen und eine kleine Halle errichtet. Dort floss ganz weiches Wasser, ideal für die Fischzucht, aus der Wasserleitung. Da züchteten wir die Neonfische selber. Auch alle anderen Arten, mit denen ich ja schon in Biehla Zuchterfahrung sammeln konnte, wurden gezüchtet und im Ruhrgebiet und auch in Holland und Belgien verkauft. Nach und nach erweiterte ich jedoch mein Angebot durch Zukauf, vor allem Wildfänge aus tropischen Ländern. Die Lufthansa war damals in den frühen fünfziger Jahren noch gar nicht wieder gegründet, doch es gab schon einige Fluggesellschaften die Luftfracht für Zierfische anboten. Man freute sich über die verschiedenen neuen Arten, die als Wildfänge ins Land kamen. Argus und Silberflossenblatt aus Ceylon (heute Sri Lanka) Labeo bicolor und Prachtschmerlen aus Bangkok, aus Lagos Elefantenfische und Schmetterlingsfische. Auch gab es schon einen Lieferanten für Südamerikanische Fische, Louis Chung in Georgetown British Guiana.

Quelle Manuel Roth FA EFS

Daher kamen auch die roten Neon, die ich als einer der Ersten in Deutschland verkaufte. Dass diese überlebten war ein Wunder. Wenn sie ankamen, waren sie klein und total abgemagert, nur noch ein Strich mit zwei großen Augen. Ich fütterte als erstes Artemia, die sie anfangs kaum annahmen, doch von Tag zu Tag klappte es besser. Später fütterten wir dann Grindalwürmchen, die wir im Keller in zehn großen Kisten züchteten. Drei Wochen später waren die Neon wieder ganz normale wohlgeformte und kräftige Fischchen, die wir dann an unsere Kunden verkaufen konnten.

In diesen Jahren nahm die Aquaristik gewaltig zu und die Züchter hätten gut davon leben können. Leider nahm die Entwicklung jedoch einen anderen Lauf. In Singapore wurden nach und nach alle Zierfische, die auf der Welt in Aquarien gehalten wurden, nachgezüchtet und trotz Fracht zu geringeren Preisen angeboten, als wir es gekonnt hätten. Ich dachte, wenn sich die Zucht nicht lohnt, dann musst du eben die Fische in Singapore einkaufen und als Großhändler an die Zoohändler weiterverkaufen. Dies ging eine Zeit lang gut, doch dann konnten die großen Zoohandlungen direkt bei den Züchtern in Singapore kaufen und die kleinen, die sich das nicht erlauben konnten, kamen nicht mehr gegen die Preise an.

Ich hatte die Nase voll, wollte von Zierfischen nichts mehr hören, schloss mein Geschäft und verkaufte meine Halle und Grundstück. Mein erster Lebensabschnitt war damit beendet, doch der zweite, höchst interessante stand mir noch bevor. Meine Begeisterung für Tiere, die besonders schön und interessant waren, war nicht erloschen, sondern wechselte jetzt von den Fischen auf Terrarientiere. Fortan machte ich Fangreisen in die Türkei, Persien, Spanien, Marokko, Elfenbeinküste, Süd Afrika, Mosambik Simbabwe, Tansania und Kenia und sammelte Eidechsen, Schlangen usw. Es entstand das „Euroterrarium“ Spezialgeschäft für Terrarientiere. Als ich 62 Jahre war, also 1992 endete dann für mich dieser Lebensabschnitt. Die Reisen wurden immer beschwerlicher für mich, der Arzt stellte Osteoporose bei mir fest, und ich beendete die Reisetätigkeit. Inzwischen hatte mich jedoch die Aquaristik wieder eingeholt und hat mich bis zum heutigen Tag wieder voll im Griff. Schuld daran sind meine Töchter Sonja und Monika. Genau wie bei mir, fing ihr Interesse für Aquarienfische im Alter von 13 bis 14 Jahren an. Da sie meine aquaristische Vergangenheit kannten, hieß es dann: „Papa, baue uns doch mal ein schönes Aquarium. Das ist doch für dich einfach, du kennst doch da etwas von.“ Sie bekamen ihr Aquarium, auch ein zweites und drittes und nach einiger Zeit stand der ganze Flur in unserer Wohnung voll. Nun hatte der Ehrgeiz mich selbst schon wieder gepackt, doch Fische züchten, lohnt sich das denn noch? Ich hatte da mit meiner Erfahrung, Singapore , die größten Zweifel.

Quelle Willi Heidbrink FA Höner

Bei meinen Sammelreisen für Terrarientiere ergab es sich ab und zu, dass ich auch interessante Fische, zum Beispiel Killifische fand, die ich dann deutschen oder anderen Europäischen Zierfischhändlern zuschickte. Dabei lernte ich Herrn Glaser kennen, damals in Kelsterbach (nahe Flughafen Frankfurt). Herr Glaser war so ein Super Großhändler, der frisch gefangene Fische aus allen tropischen Ländern importierte und sie in seiner Aquarienanlage eine Zeit lang in Quarantäne hielt und mit Hilfe von vorbeugend verabreichten Medikamenten verhinderte, dass möglicherweise eingeschleppte Krankheiten sich ausbreiten konnten. Auch kaufte er in Deutschland bei Züchtern die Fischsorten auf, die als Wildfänge praktisch nicht zu beschaffen waren, wie z.B. die Killifische. Als ich ihm berichtete, dass ich und meine Töchter wieder vor hatten Fische zu züchten, gab er uns den Rat, uns ganz auf Killifische zu spezialisieren. Er versprach uns alle Nachzuchten abzunehmen. Dies klappte dann auch. Unsere Züchterei wurde erweitert, in unserer Wohnung wurde der Keller und die Garage mit Aquarien voll gestellt und im Jahre 1993 mieteten meine Töchter dann einige große geräumige Kellerräume. So konnte die professionelle Zucht losgehen und nach und nach kamen neben Kilifischen auch viele andere Fischarten dazu. Heute beliefern meine Töchter Groß- und Einzelhändler in ganz Deutschland, Holland und Belgien.

Aachen, den 12. 09. 2011

Karl Gutsche