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Interview “Zierfischhandel” – Heute & Morgen mit Meeresbiologin Christiane Schmidt

Das folgende Interview zwischen Nils Neumann (freier Autor) und Christiane Schmidt (Meeresbiologin) thematisiert die Probleme beim internationalen Zierfischhandel der Meeresaquaristik.

Was sind die Hauptprobleme beim internationalen Zierfischhandel?

Das Hauptproblem der Meeresaquaristik ist, dass die meisten Tiere der Wildnis entnommen werden (letzte Studie geht von bis zu 99% aus*), weil sie noch nicht gezüchtet werden können. Damit greift die Meeresaquaristik auf eine natürliche Ressource, das Korallenriff, zurück, welche/s ohnehin durch anthropogene Einflüsse gefährdet ist. Dazu kommt, daß in manchen Gegenden mit Gift gefischt wird – eine Praxis, die Riffe langfristig zerstört. Andererseits ist es relativ einfach, die Aquarienfischerei so zu regulieren, dass weder Fischpopulationen noch Habitate geschädigt werden, siehe Hawaii und Australien.

* Wabnitz, C., Taylor, M., Green, E., Razak, T. 2003. From Ocean to Aquarium. UNEP-WCMC, Cambridge, UK

 

Aus welchen Ländern kommen Zierfisch-Importe hauptsächlich?

Wie die Bezeichnungen Tropical Live Fish oder Exoten schon impliziert, sind unsere Tiere weitgereiste Ausländer, und das macht den Aquarienhandel zu einer globalen Angelegenheit.

Bis zu 80% (2003) aller importierten Fische und Korallen stammen aus Indonesien und Philippinen (keine Korallen). Weitere Ursprungsgebiete sind Australien und der Südpazifik (Fiji, Tonga, Vanuatu – besonders für Tridacna), der Indische Ozean (Sri Lanka/Malediven – besonders Garnelen), Hawaii (Gelber Doktor), die Karibik (Florida, Brasilien, Belize) und das Rote Meer.

Hauptmärkte sind die USA, Europa (UK, D, F, NL, …+Osteuropa), Japan und zunehmend auch Südostasien.

Gibt es beim Zierfischhandel eine organisierte Kriminalität, die illegalen Handel mit geschützten Arten betreibt?

Eher nicht. Es gibt aber Fälle, wo Steinkorallenarten (die unter besonderem Schutz stehen und z.B. nicht nach Deutschland importiert werden dürfen) geschmuggelt werden. Man geht von einer Handvoll skrupelloser Importeure in Europa aus. Es gibt außerdem das Gerücht, dass italienische Großfamilien in diesem Geschäft mitmischen. Aber Beweise sind schwer zu erbringen.

Steinkorallen unterliegen einer Handelsbeschränkung gemäß CITES-Abkommen. Das bedeutet, dass Anzahl und Art ausgeführter Tiere dokumentieren werden müssen. Außerdem wird jährlich pro Art eine bestimmte Anzahl, die der Wildnis entnommen werden darf, festgelegt. Bei Fischen betrifft das nur ganz wenige Arten, z.B. Seepferdchen. Werden diese Ausfuhr- oder Einfuhrpapiere gefälscht oder werden Tiere ohne diese Papiere importiert, dann kann das mitunter strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Erfahrungsgemäß bleibt es bei Verwarnungen und Geldbußen. Wenn ein großangelegter Schmuggel (wie vor kurzem in Manchester*) auffliegt, hört man meist keine Fortsetzung. Offensichtlich sind Meldungen dieser Art weniger wichtig als die Hochzeit von Prinz William mit Kate Middleton.

* Auf dem Flughafen Manchester wurde im Mai 2012 Korallen im Wert von 56.000 GBP konfisziert, weil gegen Cites-Bestimmungen verstoßen wurde. Der Auftraggeber der illegalen Einfuhr wurde von polizeilicher Seite bis heute nicht namentlich erwähnt  oder zur Verantwortung gezogen (es wurde keine Anklage erhoben) 

Kann man nicht alle Zierfische einfach züchten,anstatt diese „wild“ zu fangen?

Leider nein. Was in der Süßwasseraquaristik größtenteils gelingt, stellt die Meeresaquaristik vor große Herausforderungen. Auch wenn die Zahl der Zuchterfolge steigt – wie von Verbänden, Lobbyisten und Magazinen behauptet wird-, nur bei wenigen marinen Fischarten ist es möglich, die für den Markt benötigten Mengen zu züchten. Von ca 1472 Arten, die im Handel sind, können gerade 84 gezüchtet werden. Davon nur 13 Arten (< 1%) regelmässig und in ausreichender Zahl, um einen Teil des Bedarfs abzudecken*. Das hängt u.a. damit zusammen, daß viele Meeresfische relativ komplizierte Lebenszyklen haben, die Larvenstadien sehr klein sind und man noch nicht das geeignete Futter anbieten kann. Für die kommerzielle Nachzucht entstehen so beträchtliche Kosten, die durch den Verkaufspreis nicht gedeckt werden. Nachzuchten sind teurer, deswegen entscheiden sich  Hobbyaquarianer oft für den preiswerteren Wildfang.

Erfolgreich gezüchtet und in ausreichender Anzahl angeboten werden z.B. der Clownfisch Nemo. Jedoch tauchen selbst von Nemo immer noch Wildfänge im Handel auf, was nicht nötig wäre. Korallen können durch Fragmentierung einfach vermehrt werden und können somit Wildtiere im Handel ersetzen.

* Krause I., KORALLE Nr. 76, Aug./Sept. 2012

 

Im Jahr 2003 erschien der UNEP-Bericht „From Ocean to Aquarium: The global trade in marine ornamental species“ der in Zusammenarbeit mit MAC (Marine Aquarium Council) entstanden ist. Was hat sich seit dieser Zeit getan? Gibt es positive Verbesserungen?

Die Organisation MAC ist seit 2008 inaktiv, Trainingsprogramme in Indonesien und den Philippinen wurden eingestellt. Es gibt meines Wissens nach keine neuen Studien, die weltweit Daten auswertet.  Eine Analyse neueren Datum beleuchtet ausschließlich den Markt in den USA*. Ich denke, sowohl beim Handelsvolumen, als auch bei den Vorlieben der Aquarianer gibt es kaum Veränderungen. Es gibt ohne Frage Erfolge bei Nachzuchten zu verzeichnen. Bei Korallen mehr, bei Fischen weniger. Die Giftfischerei ist nach wie vor ein großes Thema, genauso wie ein mangelndes Management der meisten Aquarienfischereien, insbesondere in Südostasien.

Rhyne AL, Tlusty MF, Schofield PJ, Kaufman L, Morris JA Jr, et al. (2012) Revealing the Appetite of the Marine Aquarium Fish Trade: The Volume and Biodiversity of Fish Imported into the United States. PLoS ONE 7(5): e35808. doi:10.1371/journal.pone.0035808

Welche Möglichkeiten gibt es zur Verbesserung der Situation? Welchen Beitrag/Einfluss kann Ihre Organisation leisten?

Unsere Organisation (SAIA/ESAIA e.V.) geht verschiedene Wege, um den Aquarienhandel zu verbessern. Ein Ansatz unserer Bemühungen ist, Standards und Richtlinien zu etablieren, oder aber auch über Best practices zu informieren (s. SAIA Code of Best Practices). Des Weiteren versuchen wir zu erklären, wer eigentlich die treibende Kraft des Handels ist und wie mächtig diese Zielgruppe/Kundschaft ist. Wir geben Hilfestellung bei der Wahl des richtigen Besatzes (s. SAIA FishSelector) und beantworten Fragen, die Ethik betreffend. In Sachen der Nachhaltigkeit können unsere überarbeiteten „Listen der ungeeigneten oder ökologisch bedenklichen Arten“ * Antworten geben. Außerdem haben wir eine Ausstellung erarbeitet (Titel: „Woher kommen unsere Fische“ ) – dort kann man sich anhand von Postern und Filmen ein Bild über Situation vor Ort machen; auf ganz besonderes Interesse stoßen jedes Mal die skurril wirkenden Fischereiwerkzeuge aus Indonesien und den Philippinen. Die soziale Komponente des ganzen Handels ist wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit.

Auf der anderen Seite wäre die Unterstützung durch die Politik wünschenswert. Es besteht erheblicher Handlungsbedarf bei der Gesetzgebung (wir brauchen dringend ein themenbezogenes Tierschutzgesetz). Aber auch weitreichendere Importregularien müssen angegangen werden (ein Zyanidtest bei der Einfuhr sollte obligatorisch sein und Exporteure, die sich wiederholt etwas zu Schulden kommen lassen, sollten auf eine schwarze Liste gesetzt werden dürfen). Das setzt natürlich auch ein erweitertes Training für Zollbeamte und Veterinäre voraus, um etwa  illegale Einfuhren besser zu unterbinden.

Wer der Thematik offen begegnet und Probleme nicht negiert, ist auf dem richtigen Weg. Derzeit wird der Schwarze Peter gerne hin und her geschoben – das Hobby beschuldigt den Handel, der Importeur beschuldigt den Exporteur, der den Fischer und so weiter…

* Listen der “Ungeeignetenen & Ökologisch bedenklichen Arten” auf www.saia-online.eu

Im Jahr 2003 erschien der Disney-Trickfilm „Findet Nemo“. Gab es zu dieser Zeit eine besondere Nachfrage an Clownfischen? Wenn ja, wie hat sich das auf die Clownfisch-Bestände ausgewirkt?

Tatsächlich stieg die Nachfrage an Clownfischen – besonders Amphiprion ocellaris nach dem Film an. So weit ich weiß, gab und gibt es keine Studie, die die Auswirkungen auf Wildbestände untersuchte. Der Clownfisch ist und bleibt ein Renner in der Meeresaquaristik. Die meisten stammen heutzutage, wie oben schon erwähnt, aus Nachzuchten (Nemo ist ein Fisch, der in großen Anzahlen und relativ einfach gezüchtet werden kann. Er gilt unter Hobbyaquarianern/züchtern auch als „Einstiegstier“). Das Medieninteresse für die Meeresaquaristik wurde geweckt. Das rief natürlich den Tier-und Artenschutz auf den Plan, um gegen vermeintliche Rettungsaktionen (wie die meisten Menschen mit Kindern wissen, gelangt der Held Nemo durch die Toilette/Abwasserleitung wieder ins Meer) anzugehen – der Film Tracking Nemo war das Pendant zu Disneys Erfolgsstory.

Insgesamt gesehen also eher positive als negative Auswirkungen. Dass im nächsten Jahr besagter Film wieder in die Kinos kommen soll, ist natürlich bedenklich. Disney hat offensichtlich nichts dazu gelernt. Die Verlockungen des Geldes sind scheinbar zu groß. Ich hoffe, der Konzern täuscht sich gewaltig.

Was können Liebhaber der Meeresaquaristik tun, damit sich die Situation beim Erhalt der Riffe sowie dem Fang und Transport verbessert? 

Sich informieren, auf Nachhaltigkeit achten und im Zweifel Fragen stellen: Sind die angebotenen Tiere Wildfänge und mit Gift gefangen? Woher kommen sie? Kann ich diese Art überhaupt in meinem Becken pflegen, was sind ihre Bedürfnisse? Wer sich bewußt ist, daß diese Tiere von der anderen Seite der Welt stammen, wird seine Verantwortung wahrnehmen. Noch einmal: Wichtig ist, sich vor dem Kauf mit der Materie zu beschäftigen, sich mit anderen Aquarianern auszutauschen und ggf. auch Abstand zu nehmen, wenn klar wird, daß man die Voraussetzungen nicht erbringen kann. Langfristig könnte so statt „Tierverbrauch“ Tierpflege entstehen.

Natürlich sollten sich Hobbyaquarianer auch für den Tier-, Arten- und Umweltschutz einsetzen, um die Zukunft von Korallenriffen und Ihren Bewohnern zu sichern. Dazu gibt es viele Möglichkeiten (z.B. sich bei Tierschutz- und Riffprojekten beteiligen).

Wie ist Ihre Prognose für die Zukunft? Wäre es letztendlich sogar besser gar kein Aquarium zu haben? 

Wie bei allen Radikallösungen und Verboten, wird es immer Leute geben, die einen Weg finden, an seltene und geschützte Tiere heranzukommen. Dem einen ist das Geld wichtig, dem anderen der Status. In beiden Fällen spielen niedere Beweggründe eine Rolle (in nehme hier ausdrücklich Zoos und öffentliche Aquarien heraus)!

Es gab mal in Deutschland ein Einfuhrverbot für Großkaiserfische… Laut Aussage eines Großhändlers wuchs die Nachfrage danach wie verrückt. Und was passierte dann? Großkaiser wurden über Nachbarstaaten ins Land geholt und mit großem Gewinn unter der Hand verkauft. Seit der Streichung des Verbotes ebbte das Interesse dann schnell wieder ab. Verloren haben wieder einmal die Tiere. Großkaiserfische sind nämlich sehr anspruchsvoll, was die Hälterung betrifft. Und sie werden vor allem groß!

Was wir wirklich benötigen, ist eine verbesserte Gesetzgebung. Daneben braucht es eine wirkungsvollere Entwicklungshilfe in den Herkunftsländer, ein besseres Management in der Aquarienfischerei und die Umsetzung von Regularien. Ich wünsche mir des Weiteren eine aktivere Aquarianerszene. Für viele spielt die Ethik im Hobby nur eine untergeordnete Rolle.

Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass der Meerwasserhandel für die weltweite Zerstörung der Korallenriffe nur bedingt verantwortlich zu machen ist. Wenn es um Klimawandel und Verschmutzung der Meere geht, sind ganz andere Industriezweige zu beschuldigen. Natürlich ist es einfacher, ein relativ kleines Hobby zu attackieren. Wer würde sich schon mit der Speisefischindustrie oder der Automobilindustrie anlegen?

 

Quelle:

Christiane Schmidt
http://www.korallenriff.de/artikel/1277_quotZierfischhandelquot_Heute_amp_Morgen.html
(August 2012)

2 Kommentare

  1. Danke für den Hinweis. Uns ist in letzter Zeit die stark veränderte Kommunikation der SAIA aufgefallen. Dies war 2012 nicht zu erkennen. Wir überlegen den Beitrag herauszunehmen.

  2. Bestimmt wieder eine weitere der vielen SAIA Lügen:
    SAIA schreibt oben:
    “Der Auftraggeber der illegalen Einfuhr wurde von polizeilicher Seite bis heute nicht namentlich erwähnt”
    Ist das überhaupt in irgendeinem Land einfach so zulässig und erforderlich?
    In D gilt zB:
    Bei der Übermittlung von personenbezogenen Daten über Beschuldigte/Angeklagte sind auch der Grad des Tatverdachts und der Stand des Verfahrens zu berücksichtigen. Vor Beginn der öffentlichen Hauptverhandlung ist ein besonders strenger Maßstab an das Vorliegen eines “überwiegenden Interesses” der Öffentlichkeit anzulegen.

    SAIA schreibt oben weiter:
    “oder zur Verantwortung gezogen (es wurde keine Anklage erhoben)”
    Woher weiß SAIA denn das schon wieder?
    Im Zeitungsartikel ist sogar nach zu lesen, dass der Schmuggler, ein 23J Mann aus Manchester verhaftet wurde und gegen Kaution entlassen wurde, um auf weitere Anklagen zu warten?

    Selbst wenn keine Anklage erhoben wurde, dann liegt das nicht daran, dass die britische Justiz nicht funktioniert, sondern dann lag es an der Beweislage. Wenn es so gewesen ist, dann gab es nicht genügend Beweise, den Mann zu verurteilen. Leider funktioniert ein Rechtsstaat nicht nach dem Prinzip: Huch, da war ein Verbrechen, jetzt verurteilen wir einfach mal den, der am ehesten dafür in Frage kommt, weil einer muss ja auf jeden Fall verurteilt werden.

    Das ist alles nur typische SAIA Reiserei

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