Faszination Aquaristik: Salmler-Taxonomie neu gedacht – Vier Familien statt einer

Faszination Aquaristik: Salmler-Taxonomie neu gedacht – Vier Familien statt einer
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Die Aquaristik ist ein faszinierendes Hobby, das uns ständig mit neuen Erkenntnissen und Entwicklungen überrascht – manchmal sogar in der scheinbar so fest gefügten Welt der wissenschaftlichen Systematik. So geschehen bei den beliebten südamerikanischen Salmlern. Was lange Zeit als eine große Familie galt, hat die moderne Wissenschaft nun auf den Kopf gestellt. Dieser Artikel von Harro Hieronimus beleuchtet die revolutionäre Neuordnung der Salmler-Taxonomie: Wie aus einer Familie plötzlich vier wurden, welche Auswirkungen dies auf die Benennung unserer Aquarienlieblinge hat und warum diese scheinbar akademischen Änderungen für jeden interessierten Aquarianer von Bedeutung sind, um die Evolution und Verwandtschaftsbeziehungen unserer Fische besser zu verstehen.

Wieder in der ursprünglichen Gattung: der Schwarze Phantomsalmler, Megalamphodus megalopterus. Foto: Harro Hieronimus
Wieder in der ursprünglichen Gattung: der Schwarze Phantomsalmler, Megalamphodus megalopterus. Foto: Harro Hieronimus

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Viele Salmler mit neuen und alten Gattungsnamen

Zu den beliebtesten Aquarienfischen gehören die südamerikanischen Salmler. Bislang gehörten sie zur Familie Characidae oder Echte Salmler. Zu ihnen zählten bislang über 1.250 Arten, zahlreiche weitere sind noch unbeschrieben. Nun wurden daraus vier Familien und etliche Mitglieder erhielten neue Gattungsnamen oder alte, bislang als Synonym gelten Gattungen, wurden wieder für gültig erklärt.

Möglicherweise stellt sich jetzt der eine oder andere Aquarianer die Frage, warum so etwas nötig wird. Erst die Panzerwelse, nun die Salmler. Für viele sind auch die wissenschaftlichen Namen nicht so wichtig, die deutschen könnten ja auch reichen. Aber sobald man etwas mehr über seine Fische wissen will und auch international recherchiert, kommt man um die wissenschaftlichen Bezeichnungen nicht herum. Aber warum ändern?

Neu in der Gattung Moenkhausia: der Socolof-Kirschflecksalmler M. socolofi. Foto: Harro Hieronimus
Neu in der Gattung Moenkhausia: der Socolof-Kirschflecksalmler M. socolofi. Foto: Harro Hieronimus

Die Gattungsnamen werden nicht willkürlich gewählt. Sie sollen auch die Verwandtschaftsverhältnisse wiedergeben. So werden die nahe miteinander verwandten Arten in einer Familie zusammengeführt. Seit etlichen Jahren haben aber neue Methoden in der Taxonomie Einzug gehalten, vor allem die Untersuchung der Genetik. Mit immer weiter verbesserten Methoden werden sowohl die Ergebnisse der Genetik als auch der Morphologie zusammengebracht und daraus können dann manchmal ganz neue Schlüsse gezogen werden.

So sind nun Wissenschaftler aus Brasilien, den USA und Mexiko hingegangen und haben 575 Formen aus 494 Arten und 123 Gattungen untersucht und sind zu Ergebnissen gekommen, die auf den ersten Blick überraschend erscheinen, aber in ihrer Arbeit gut belegt wurden und so zu einer neuen Einteilung der Salmler der früheren Characidae führten. Vier Familien sind es nun: Spintherobolidae, Characidae, Stevardiidae und Acestrorhamphidae. 

Der Name der Rotaugen-Moenkhausie wurde zu Bario sanctaefilomenae geändert. Foto: Harro Hieronimus
Der Name der Rotaugen-Moenkhausie wurde zu Bario sanctaefilomenae geändert. Foto: Harro Hieronimus

Spintherobolidae

Die fünf Arten dieser Familie gehören zu den kleinen Salmlern und werden meist nur 2-3 cm lang. Aquaristisch sind sie nahezu unbekannt.

Characidae

Gut 200 Arten gehören nun nur noch zu dieser früheren Sammelfamilie, die nun fünf Unterfamilien enthält. Von ihnen sind nur noch einige häufiger im Handel zu finden.

Ausgewachsen wahre Prachtexemplare: ein Männchen des Brillantsalmlers, jetzt Makunaima pittieri. Foto: Harro Hieronimus
Ausgewachsen wahre Prachtexemplare: ein Männchen des Brillantsalmlers, jetzt Makunaima pittieri. Foto: Harro Hieronimus

Stevardiidae

Dagegen wurde diese frühere Unterfamilie zur Familie erhoben und enthält etwa 365 Arten in neun Unterfamilien. Einige Vertreter der 46 Gattungen sind gut in der Aquaristik etabliert, andere tauchen dagegen nur sehr selten im Handel auf und sind eher den Spezialisten vorbehalten.

Namengebend für die größte Unterfamilie ist die Gattung Acestrorhynchus, hier A. falcatus. Foto: Harro Hieronimus
Namengebend für die größte Unterfamilie ist die Gattung Acestrorhynchus, hier A. falcatus. Foto: Harro Hieronimus

Acestrorhamphidae

Die meisten der bekannten und beliebten Salmler der früheren Familie Characidae finden sich nun in dieser Familie, die etwa 685 Arten enthält, die in 15 Unterfamilien eingeteilt sind. Bei ihnen finden sich auch die meisten Namensänderungen. Dafür wurden keine neuen Gattungen geschaffen, sondern bestehende bisherige Synonyme verwendet oder Arten wurden auch wieder in Gattungen zurückversetzt, aus denen sie ausgegliedert wurden.

Ein Beispiel für letztere Umordnung ist etwa der Schwarze Phantomsalmler, ursprünglich als Megalamphodus megalopterus beschrieben, zwischenzeitlich zu Hyphessobrycon gestellt und nun wieder zurück zur ursprünglichen Gattung. Dabei wurde diese aber um einige bekannte Arten erweitert, so finden sich hier jetzt etwa die Kirschflecksalmler. 

Fazit

Mit dieser Arbeit soll die verwandtschaftliche Beziehung und damit die Evolution der früheren Characidae besser erklärt werden. Die Namensänderungen halten sich glücklicherweise in Grenzen, bei einigen beliebten Arten, wie etwa der Rotaugen-Moenkhausie Bario (früher Moenkhausia) sanctaefilomenae, muss man sich allerdings umgewöhnen. Aber wie bisher wird es einige Jahre dauern, bis sich die neuen Namen tatsächlich durchgesetzt haben. 

Die südamerikanischen Salmler, einst unter der Familie Characidae vereint, wurden durch moderne genetische und morphologische Forschung grundlegend neu klassifiziert. Statt einer großen Familie sind es nun vier eigenständige Familien: Spintherobolidae, Characidae (in neuer, engerer Definition), Stevardiidae und Acestrorhamphidae. Diese Neuordnung führt zu zahlreichen Änderungen bei Gattungsnamen – einige sind neu, andere werden reaktiviert –, um die tatsächlichen verwandtschaftlichen Beziehungen der über 1.250 Arten präziser abzubilden. Obwohl dies für Aquarianer eine Umgewöhnung bedeutet, fördert es ein tieferes Verständnis der Salmler-Evolution. Der vollständige Originalbeitrag folgt weiter unten.

Modernste genetische und morphologische Forschung hat zur Aufteilung der ehemals großen Salmlerfamilie Characidae in vier neue Familien geführt, um deren tatsächliche Verwandtschaftsverhältnisse präziser abzubilden. Diese taxonomische Revolution bringt für Aquarianer die Notwendigkeit mit sich, sich an viele neue oder revalidierte Gattungsnamen zu gewöhnen. Dadurch wird jedoch ein tieferes Verständnis der Evolution und Systematik dieser beliebten Aquarienfische ermöglicht.

Über das Magazin: Aquaristik

Aquaristik – Das Magazin für erfolgreiche Süßwasser-Aquarianer
Das Aquaristik Magazin ist das führende Fachmagazin für Liebhaber der Aquaristik. Es begleitet Hobbyisten von den ersten Schritten bis hin zu professionell gestalteten Aquarien. Mit liebevoll gestalteten und gut bebilderten Beiträgen, praxisnahen Tipps und fundiertem Fachwissen ist es sowohl für Einsteiger als auch für Profis geeignet.

Was bietet das Magazin?

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Über den Dähne Verlag

Der Dähne Verlag wurde im Jahr 1970 von Karl-Heinz Dähne gegründet und wird heute in zweiter Generation von Marc Dähne geführt. Das Familienunternehmen gliedert sich in zwei Bereiche: Als Branchenfachverlag versorgt es die Baumarkt- und Gartencenter-Branche sowie den Zoofachhandel mit Fachinformationen. Für das Hobby Aquaristik veröffentlicht der Verlag erfolgreiche Hobby-Magazine, Fachzeitschriften und ein umfangreiches Buchprogramm.

Verlagsangebot im Überblick:

  • Rund ein Dutzend Fach- und Publikumszeitschriften
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Der Verlag ist führend in der Veröffentlichung hochwertiger Fach- und Hobbyliteratur und unterstützt den Austausch und die Weiterbildung in der Aquaristik-Community.

Mehr erfahren: Webseite des Dähne Verlags

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Harro Hieronimus

Harro Hieronimus ist ein anerkannter Experte in der Aquaristik, dessen Leidenschaft und Fachwissen seit Jahrzehnten die Gemeinschaft bereichern. Als versierter Autor und Fotograf hat er sich insbesondere auf die Süßwasseraquaristik spezialisiert, mit einem besonderen Augenmerk auf Lebendgebärende und andere anspruchsvolle Fischgruppen. Seine Expertise basiert auf langjähriger praktischer Erfahrung in der Haltung und Zucht seltener Arten sowie auf einer tiefgreifenden Kenntnis der Biologie und Ökologie aquatischer Lebensräume. Harro Hieronimus ist bekannt für seine präzisen Beobachtungen und seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte verständlich darzustellen. Er hat zahlreiche Fachartikel und Bücher veröffentlicht und trägt maßgeblich zur Verbreitung fundierten Wissens in der Aquaristik bei. Seine Arbeiten sind eine wertvolle Ressource für Einsteiger und erfahrene Aquarianer gleichermaßen.

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