Faszination Aquaristik: Die Wahrheit über Plastik-Deko

Faszination Aquaristik: Die Wahrheit über Plastik-Deko
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Die Welt der Aquaristik ist voller Leidenschaft, Schönheit und… kontroverser Diskussionen. Eine davon betrifft die Verwendung von Plastikdekorationen im Aquarium. Während in vielen Bereichen des Alltags Kunststoffe selbstverständlich sind, lösen sie im Hobby oft hitzige Debatten aus. Sind sie wirklich so schädlich für unsere Fische und Garnelen, wie oft behauptet wird, oder handelt es sich eher um ein emotional aufgeladenes Vorurteil? Christian Splettstößer, ein bekannter Experte im Bereich der Wirbellosen, geht dieser Frage detailliert nach und beleuchtet die Fakten hinter den Mythen. Bereiten Sie sich auf eine spannende und aufschlussreiche Analyse vor, die vielleicht einige Ihrer Ansichten revidieren wird.

Die Verträglichkeit künstlicher Pflanzen hat der Autor noch nicht untersucht. Sie bestehen aus anderen, flexibleren Kunststoffen, um natürlicher zu wirken. Foto: Christian Splettstößer
Die Verträglichkeit künstlicher Pflanzen hat der Autor noch nicht untersucht. Sie bestehen aus anderen, flexibleren Kunststoffen, um natürlicher zu wirken. Foto: Christian Splettstößer

Wie gefährlich ist Plastik im Aquarium? Spongebob und Co. unter der Lupe

Plastik hat ein negatives Image – und dennoch nutzen wir es jeden Tag, und man kann es kaum komplett vermeiden. Der Großteil unserer Getränke wird in Kunststoffflaschen verkauft, Essen kommt in Plastikverpackungen, und unsere Kinder spielen damit. Selbst kleinste Kinder kommen durch Schnuller, Rassel und Co mit Kunststoffen in Kontakt. Interessanterweise gibt es da kaum negative Aussagen zum Material, obwohl die Kinder dieses nahezu dauerhaft mit dem Mund bearbeiten. In aquaristischen Gruppen dagegen wird man teilweise als Tierquäler bezeichnet, sobald man eine Plastikdekoration im Aquarium hat. Regelmäßig lese ich folgende Aussagen:

  • „völlig unnatürlich“
  • „tierschädlich“
  • „gibt giftige Substanzen ab“
  • „dadurch entsteht Mikroplastik“
  • „das moddert und fängt an zu stinken“

Fragt man allerdings nach, kann keiner konkrete Aussagen machen. Mich erstaunt die Vehemenz, mit der „Plastik-Deko“ wieder und wieder verdammt wird. 

Immer ein künstlicher Lebensraum 

Selbstverständlich sind Spongebob und ähnliche Dekoration nichts, was man in der Natur findet. Allerdings findet man in der Natur auch keine Aquarien. Die meisten Becken ähneln nicht im Entferntesten natürlichen Biotopen. Ob den Bewohnern Pflanzen und Holz besser gefallen als eine künstliche Ananas, ist eine reine Glaubensfrage.

Polyresin als Ausgangsstoff

Theoretisch sind viele Kunststoffe als Material für die Deko denkbar, in der Praxis bestehen Aquariendekorationen meist aus Polyresin, bestehend aus einem Füllstoff und einem Kunstharz. Als Füllstoff kommen verschiedene Materialien zum Einsatz, meist Gesteinsmehle oder Sand. Der Kunstharz-Anteil besteht entweder aus Polyester- oder Epoxidharzen, je nach Mischung mit deutlichen Qualitätsunterschieden. Für die Aquaristik kommen in der Regel die günstigeren Polyesterharze zum Einsatz. Ausnahmen bilden wenige besonders hochwertige Produkte, die meist mit dem Zusatz „aus Kunststein“ beworben und aus Epoxidharz hergestellt werden.

Wasserneutrale Aquariendekoration?

Egal, welches Harz zum Einsatz kommt, gut gefertigte Produkte sind wasserneutral. Polyresin mit Polyesterharz enthält nur sogenannte innere Weichmacher, die sich nicht im Wasser lösen. Einmal ausgehärtet, ist das Produkt sehr widerstandsfähig und ungiftig, bei korrekter Herstellung auch UV-beständig. Im Wasser geht man von etlichen Jahrzehnten bis Jahrhunderten Haltbarkeit aus. Das Polyresin selbst ist daher nicht tierschädlich, es wird sich in der Lebenszeit eines Aquarium nicht zersetzen oder anfangen zu stinken.

Ein stechender Geruch

Hin und wieder tritt dennoch ein unangenehmer Geruch auf, wenn man Plastikdekoration aus dem Aquarium nimmt. Der stammt von in Winkeln und Öffnungen abgelagerten organischen Teilchen, die durch wenig Wasserdurchflutung anaerob abgebaut werden und dabei anfangen zu faulen.

Ist der Lack ab?

Zwar könnte das Resin direkt eingefärbt werden, gerade bei mehrfarbigen Produkten würde dies den Herstellungsprozess jedoch stark verteuern. Die Dekorationen werden daher meist auch lackiert, und daher müssen wir den Lack ebenfalls betrachten. Die Bemalung erfolgt in den meisten Fällen mit einfach zu verarbeitenden Acryllacken. Diese sind nach Aushärtung wasserfest.

Allerdings zeigte sich schon in verschiedenen Aquarien und auch bei meinen Tests, dass die Farben nach einiger Zeit abblättern können. Acryllacke bestehen aus Farbpigmenten, Polymeren (Bindemitteln, hier Kunstharzteilchen) und einem Lösungsmittel. Beim Trocknen der Farbe verdunstet das Lösungsmittel, und die Polymere verbinden sich mit den Farbpigmenten und untereinander zu einer wasserunlöslichen Schicht. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Farbschicht ideal verarbeitet ist und keinerlei Beschädigung, z.B. durch Kies oder Sand, abbekommen hat. Oft sind insbesondere die Randbereiche nicht komplett gegen eindringendes Wasser geschützt. Wenn Wasser zwischen Körper und Farbe eindringt, kommt es mit der Zeit zu Blasenbildung und Abblätterungen.

Eine farbige Kunststoffschicht

Allerdings gibt auch die Farbe keine giftigen Stoffe ab, da das Polymer und die Farbpigmente eine feste Verbindung eingehen. Im Grunde entsteht beim Trocknen der Farbe eine dünne Schicht farbiger Kunststoff. Blättern Farbpartikel ab, werden dadurch keine Stoffe ans Wasser abgegeben, aber es entstehen kleinste Kunststoffteilchen, sogenanntes Mikroplastik. 

Ein kleines Stück abgetrenntes Stück vom Spongebob enthüllt unter dem Mikroskop, dass das Harz gelb durchgefärbt ist. Beim Abtrennen bestätigte sich die hohe Widerstandsfähigkeit des Materials. Foto: Christian Splettstößer
Ein kleines Stück abgetrenntes Stück vom Spongebob enthüllt unter dem Mikroskop, dass das Harz gelb durchgefärbt ist. Beim Abtrennen bestätigte sich die hohe Widerstandsfähigkeit des Materials. Foto: Christian Splettstößer

Mikroplastik im Aquarium

Wasserunlösliches Mikroplastik verursacht keine akuten Vergiftungen, im Grunde handelt es sich um unverdauliche Fragmente. Viele Fische und Garnelen nehmen permanent unverdauliches Material auf, z.B. Sand oder Kies, und scheiden es auf natürlichem Weg wieder aus. Oft bemerken Fische unverdauliches Material schon bei der Aufnahme und spucken es direkt wieder aus. Die Abgabe von Mikroplastik beschränkt sich im Aquarium rein auf die Farbschicht. Das Polyresin selbst gibt in normalen aquaristischen Zeiträumen keine Kunststoffteilchen ab. 

Vor der Verwendung bitte reinigen

Jede Aquariendekoration wird vor der Nutzung selbstverständlich gereinigt. Bei künstlicher Dekoration aus industrieller Fertigung kann es schnell zur Verunreinigungen mit Schmierstoffen oder ähnlichem kommen, und viele dieser Stoffe sind für unsere Tiere hoch toxisch.

Empfehlung

Trotz ihrer Unbedenklichkeit sollte man im Aquarium auf Kunststoffe weitestgehend verzichten: Die Dekorationen sind nicht wiederverwertbar, und die Produktionsprozesse sowie die Gewinnung der Rohstoffe gelten als extrem umweltschädlich. Die extreme Langlebigkeit sorgt für Müll, der die Nutzungsdauer meist um hunderte Jahre überlebt. Je weniger Kunststoffe wir verwenden, desto besser! Eine Diabolisierung der Dekorationen ist jedoch übertrieben. 

„Gift in den Händen eines Weisen ist ein Heilmittel. Ein Heilmittel in den Händen des Toren ist Gift.“ Giacomo Casanova

In der Aquaristik wird Plastikdekoration oft scharf kritisiert. Dieser Artikel von Christian Splettstößer untersucht fundiert, ob diese Kritik berechtigt ist und welche echten Gefahren von Kunststoffen im Aquarium ausgehen. Er beleuchtet die Materialzusammensetzung von Polyresin-Dekorationen, die Rolle von Lacken und die Entstehung von Mikroplastik. Die zentrale Erkenntnis ist, dass gut gefertigte Kunststoffdekorationen im Aquarium in der Regel wasserneutral und ungiftig sind, die Umweltbilanz von Produktion und Entsorgung jedoch ein gewichtigeres Argument gegen ihren Einsatz darstellt als die direkte Schädigung der Aquarienbewohner.

Christian Splettstößer entkräftet viele der gängigen Annahmen über die direkte Schädlichkeit von Polyresin-Plastikdekorationen im Aquarium, da diese bei korrekter Herstellung wasserneutral und ungiftig sind und Mikroplastik hauptsächlich aus sich lösenden Farbschichten entsteht, welches selten akute Vergiftungen verursacht. Dennoch empfiehlt er einen weitgehenden Verzicht auf Kunststoffe im Aquarium. Dies begründet er primär mit den Umweltauswirkungen der Produktion und Entsorgung sowie der extremen Langlebigkeit der Materialien.

Über das Magazin: Caridina

Caridina – Das Magazin für Wirbellose im Süßwasseraquarium
Das Magazin Caridina ist das führende Fachmagazin für Aquarianer, die sich auf die Haltung, Zucht und Pflege von Garnelen, Krebsen, Schnecken und anderen Wirbellosen spezialisiert haben. Es begleitet Hobbyisten von den ersten Schritten bis hin zu professionell gepflegten und zuchtfähigen Linien. Mit liebevoll gestalteten, gut bebilderten Beiträgen, praxisnahen Tipps und fundiertem Fachwissen ist es sowohl für Einsteiger als auch für erfahrene Züchter ideal.

Was bietet das Magazin?

  • Fachkundige, didaktische Berichte und brillante Fotos von renommierten Autoren
  • Spannende Fachartikel zu Garnelen, Krebse, Schnecken, Wasserpflanzen, Aquarientechnik und mehr
  • Praxisnahe Anleitungen, Tipps, Tricks sowie Kleinanzeigen und Produktneuheiten
  • Jedes Heft widmet sich einem speziellen Themenbereich, der in mehreren Beiträgen vertieft wird
  • Erscheinungsweise: 4-mal jährlich (quartalsweise)

Zielgruppe:
Alle, die sich für die Pflege, Zucht und Haltung wirbelloser Süßwasserbewohner interessieren – von begeisterten Einsteigern bis zu professionellen Züchtern.

Weitere Infos:
Mehr zur Zeitschrift und Abonnements finden Sie hier: Caridina – Zeitschrift für Wirbellose

Über den Dähne Verlag

Der Dähne Verlag wurde im Jahr 1970 von Karl-Heinz Dähne gegründet und wird heute in zweiter Generation von Marc Dähne geführt. Das Familienunternehmen gliedert sich in zwei Bereiche: Als Branchenfachverlag versorgt es die Baumarkt- und Gartencenter-Branche sowie den Zoofachhandel mit Fachinformationen. Für das Hobby Aquaristik veröffentlicht der Verlag erfolgreiche Hobby-Magazine, Fachzeitschriften und ein umfangreiches Buchprogramm.

Verlagsangebot im Überblick:

  • Rund ein Dutzend Fach- und Publikumszeitschriften
  • Internet-Portale und Online-News-Dienste
  • Umfassende Statistiken, Studien und Handelsdaten
  • Eine große Auswahl an Büchern (über 90 Titel) zu Aquaristik, Garten, Teich- und Terraristik
  • Weitere Publikationen wie Einkaufsführer, Adressverzeichnisse und mehr

Der Verlag ist führend in der Veröffentlichung hochwertiger Fach- und Hobbyliteratur und unterstützt den Austausch und die Weiterbildung in der Aquaristik-Community.

Mehr erfahren: Webseite des Dähne Verlags

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Christian Splettstößer

Christian Splettstößer ist eine feste Größe in der deutschen Aquaristikszene und bekannt für seine fundierte Expertise, insbesondere im Bereich der Wirbellosen. Als passionierter Garnelenzüchter und -halter hat er sich über viele Jahre hinweg einen Namen gemacht, speziell im Bereich der Zwerggarnelen und selteneren Arten wie den anspruchsvollen Sulawesi-Garnelen.

Er ist nicht nur ein erfolgreicher Betreiber eines bekannten Online-Shops, sondern auch ein gefragter Autor für Fachmagazine wie „Caridina“ und „Aquaristik“. Seine Beiträge zeichnen sich durch praxisnahe Ratschläge, detaillierte Haltungsberichte und tiefe Einblicke in die Biologie und Pflege der Tiere aus. Christian Splettstößer teilt sein umfangreiches Wissen zudem regelmäßig auf Messen, Vorträgen und in Workshops, wo er Aquarianer mit seiner Begeisterung und seinem Fachwissen inspiriert. Seine bioaffinen Hobbys sind eng mit der Natur und dem Verständnis für aquatische Ökosysteme verbunden, was sich in der Qualität und Tiefe seiner Arbeit widerspiegelt.

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