Raritäten & Neuimporte im Fokus #530

Raritäten & Neuimporte im Fokus #530

Von Indiens leuchtender Glühkohlenbarbe bis Brasiliens bedrohtem Killifisch: Entdecke Haludaria fasciata, Melanotaenia picta, Nanochromis transvestitus & Hypsolebias faouri.

Hypsolebias faouri

Aquaristik ist pure Leidenschaft und grenzenlose Vielfalt! Und genau diese Faszination der Unterwasserwelt wollen wir jeden Sonntag mit dir feiern. Suchst du nach Inspiration für dein Aquarium oder möchtest du echte Raritäten kennenlernen? In enger Kooperation mit den Zierfischgroßhändlern aus der Fachgruppe des Zentralverbands Zoologischer Fachbetriebe (ZZF) bringen wir dir wöchentlich vier ganz besondere Aquarienbewohner näher.

Egal, ob du dich für farbenprächtige Zierfische, seltene Welse, Buntbarsche oder Salmler interessierst – bei uns wirst du fündig. Doch wir schauen auch über den Tellerrand der Fische hinaus: Spannende Wirbellose wie Garnelen, Krebse und Schnecken gehören ebenso zu unseren Highlights. Manche der vorgestellten Tiere sind brandneue Entdeckungen, andere sind fast vergessene Klassiker, die im normalen Zoofachhandel nur selten zu finden sind.

Tauch ein in unsere wöchentliche Auswahl an faszinierenden Wildformen und robusten Nachzuchten. Wir stellen dir außergewöhnliche Zuchtformen vor und geben dir einen Einblick, welche Schätze aktuell in den Anlagen der Importeure und Großhändler schwimmen. Lass dich überraschen, was die Welt der Aquaristik zu bieten hat, und entdecke vielleicht schon heute den neuen Besatz für dein Becken!

Haludaria fasciata (früher: Barbus fasciatus, B. melanampyx)

Im Süden Indiens erhebt sich das uralte Hochplateau des Dekkan, das bereits entstand, als Indien noch ein Teil von Afrika war. Von hier fließen zahlreiche kleine Flüsse direkt in den Indischen Ozean ab, und in vielen dieser Flüsse haben sich aufgrund der geografischen Isolation eigene Farbvarianten, Unterarten oder Arten von Süßwasserfischen gebildet. Besonders die Barben und Schmerlen finden sich hier in großer Formenvielfalt, die bislang übrigens wissenschaftlich noch nahezu unerforscht ist.

Die Gattung Haludaria, die früher Barbus, Puntius oder Dravidia zugeordnet wurde, umfasst nach aktuellem Forschungsstand sechs beschriebene Arten: H. afasciata, H. fasciata, H. grayi, H. kannikattiensis, H. melanampyx und H. pradhani. Umgangssprachlich werden sie auch als Glühkohlenbarben bezeichnet. Leider gibt es keine Revision, die es erlauben würde, die Gültigkeit dieser Arten zu beurteilen. Deswegen werden die im Hobby vorhandenen Stämme allesamt unter Haludaria fasciata zusammengefasst, auch wenn teils deutliche Farbunterschiede bestehen. Ein oft anzutreffender Name ist H. melanampyx. Die unter diesem Namen beschriebene Barbe hat keinen Schwanzwurzelfleck, im Gegensatz zu den im Hobby gepflegten und gezüchteten Formen. Wenn also H. melanampyx eine gültige Art darstellt, dann ist sie im Hobby nicht vertreten. Man muss dazu aber auch wissen, dass die schwarzen Markierungen bei Haludaria stimmungsbedingt ein- und ausgeschaltet werden können. Gerade innerhalb dieser Gattung sind Zeichnungsunterschiede darum schwer zu bewerten.

Exemplare der Haludaria fasciata, darunter auch Wildfänge, können ein fantastisch tiefes Rot als Grundfarbe aufweisen. Die Männchen scheinen förmlich von innen zu glühen. Auch Nachzuchten dieser Fischart sind dafür bekannt, dass sie sich bereits in geringer Körpergröße (3-4 cm) intensiv ausfärben und dem Namen „Glühkohlenbarbe“ alle Ehre machen. Haludaria fasciata wird rund 8 cm lang und ist vollkommen friedlich. Als Barbe nascht sie schon einmal an zarten Pflanzenteilen, wenn sie nicht ausreichend mit pflanzlicher Nahrung versorgt wird. Die Wasserzusammensetzung ist nebensächlich; die Temperatur sollte um 26°C betragen. Eine „Winterruhe“ von 6-8 Wochen bei Temperaturen zwischen 18 und 22°C wirkt sich sehr positiv auf die Fische aus, ist aber nicht zwingend notwendig.

Melanotaenia picta

Erdgeschichtlich betrachtet befinden wir uns gerade in einer Eiszeit – trotz der Klimaerwärmung und ihren furchtbaren Folgen. Das bedeutet, beide Polkappen sind vereist. Innerhalb der Eiszeit leben wir allerdings in einer warmen Periode, die Warmzeit genannt wird. Sie begann vor etwa 11.700 Jahren. Davor waren auch große Teile von Asien, Europa und Nordamerika vergletschert, also von dicken Eispanzern bedeckt. Diese Zeit, die vor rund 115.000 Jahren begann, bezeichnen wir umgangssprachlich gerne als Eiszeit, also die Zeit, in der Neandertaler und unsere unmittelbaren Vorfahren, die Cro-Magnon-Menschen, Mammuts und andere Großsäuger jagten. In dieser Kaltzeit war so viel Wasser in den Eismassen gebunden, dass die Meeresspiegel auf der ganzen Welt erheblich tiefer lagen als heute.

Neuguinea bildete in der Kaltzeit zusammen mit Australien eine zusammenhängende Landmasse, die Sahul genannt wird. Die Fachzeitschrift der Australischen Regenbogenfisch-Gesellschaft ist danach benannt und heißt „Fishes of Sahul“. Zwischen Neu Guinea und Australien liegt heutzutage eine breite Meeresstraße, die Torres-Straße. Sie ist rund 140 km breit und wurde vor circa 8.000 Jahren geflutet. Ein Rest der ehemaligen Landbrücke zwischen Neu-Guinea und der Cape-York-Halbinsel (Australien) stellt der Aru-Archipel dar, der sich bis heute über das Meer erhebt. Dort gibt es eine kleine Gruppe von Regenbogenfischarten, die eng mit den auf Neu Guinea lebenden Arten der Melanotaenia-goldiei-Gruppe verwandt ist: Melanotaenia kolaensis, M. picta, M. senckenbergianus und M. wokamensis. Sie wurden wissenschaftlich erst 2015 überarbeitet (Allen et al.).

Optisch kann man diese vier Arten als Nicht-Spezialist kaum auseinanderhalten. Es ist darum sehr anzuraten, sie strikt in verschiedenen Aquarien zu pflegen, um unerwünschte Mischformen zu vermeiden. Es sind allesamt sehr schöne Fische, die jedoch aus einer ganzen Reihe von Gründen immer nur von Spezialisten gepflegt und gezüchtet werden. Im Handel tauchen sie dementsprechend nur äußerst selten auf. Es sind jedoch junge, bereits ausgefärbte Nachzuchten der Melanotaenia picta erhältlich. Wie für alle Regenbogenfische gilt auch für diese Art: mit zunehmendem Alter werden sie immer farbintensiver.

M. picta wurde aus dem Einzugsgebiet des Mareremar River auf der Insel Kobroor beschrieben. Kobroor gehört zu den Aru-Inseln, die politisch übrigens zu Indonesien zählen. Beim Landschaftsbild kamen die Erstbeschreiber ins Schwärmen, es muss dort wunderschön sein. Die Tiere leben in kristallklarem Wasser von kleineren Waldbächen. Es gibt dort kaum Vegetation, aber reichlich Versteckmöglichkeiten. Schon vor seiner wissenschaftlichen Beschreibung war M. picta als M. sp. „Aru II“ im Hobby verbreitet. Bezüglich Pflege und Zucht ist diese bis etwa 11 cm lange Art vergleichbar mit den meisten anderen Regenbogenfischen. Das Wasser sollte nicht zu weich, der pH im etwa neutralen Bereich und die Temperatur im Bereich von 22-26°C liegen. Gefressen wird jedes übliche Zierfischfutter passender Größe.

Literatur: Allen, G. R., Hadiaty, R. K., Unmack,P. J. & M. V. Erdmann (2015): Rainbowfishes (Melanotaenia: Melanotaeniidae) of the Aru Islands, Indonesia, with description of five new species and redescription of M. patoti Weber and M senkenbergianus Weber. aqua, International Journal of Ichthyology v. 21 (no. 2): 66-108.

Nanochromis transvestitus

Regelmäßig sind bildschöne Nachzuchten dieses niedlichen Zwergbuntbarsches erhältlich. Wildfänge dieser Art sind im Handel äußerst selten. Männchen der Art werden etwa 6 cm lang, Weibchen bleiben kleiner. Damit zählt dieser Nanochromis zu den kleinsten Buntbarschen überhaupt.

Ursprünglich stammt der Fisch aus der Region des Lac Mai Ndombe in der D.R. Kongo. Im Gegensatz zu den allermeisten kongolesischen Fischen sind sie darum an sehr weiches und vor allem saures Wasser angepasst (pH 4,5). Die Aquarienstämme sind zwar diesbezüglich recht tolerant geworden, doch sind die Fische in saurem Milieu deutlich weniger krankheitsanfällig.

Ansonsten sind es leicht zu pflegende und sehr attraktive Fische. Wie alle Nanochromis sind es Höhlenbrüter, wobei das Weibchen das Gelege bewacht und das Männchen das Revier. Männchen und Weibchen kann man bei N. transvestitus sehr leicht an der Flossenfärbung unterscheiden, und nur das Weibchen bekommt einen intensiv roten Bauch. Das Balzverhalten ist spektakulär. Beide Geschlechter balzen mit weit aufgerissenen Mäulern und gespreizten Flossen. Das Weibchen nimmt zudem eine ganz merkwürdige S-förmige Körperhaltung ein.

Der Artname transvestitus bedeutet „Transvestit“; er wurde gewählt, weil das Männchen so viel farbloser als das Weibchen ist; gewöhnlich ist im Tierreich das Männchen das farbigere Tier. Allerdings ist dieser sogenannte umgekehrte Sexualdichromatismus bei den chromidotilapinen Buntbarschen – hierzu zählen Nanochromis, Pelvicachromis usw. – die Regel und nicht die Ausnahme. Aber davon wussten die Wissenschaftler, die dem Tier 1984 seinen Namen gaben, scheinbar nichts.

Hypsolebias faouri

Der erst im Jahr 2016 wissenschaftlich beschriebene Hypsolebias faouri ist einer der seltensten Fische der Welt und gelegentlich in geringer Stückzahl verfügbar. Selbstverständlich handelt es sich bei allen Tieren im Handel in diesem Fall um Nachzuchtexemplare.

Was macht einen Fisch selten? Das Adjektiv „selten“ kann vieles bedeuten. Selten im Handel heißt noch lange nicht selten in der Natur. Selten in der Natur bedeutet kaum jemals, dass es nur wenige Individuen gibt. Als selten in der Natur bezeichnet man eine Fischart dann, wenn sie innerhalb des zoogeografischen Einzugsgebietes – also zum Beispiel dem Einzug eines größeren Flusses oder entlang der Küste eines Meeres – nur an wenigen Orten gefunden wird. Dort allerdings kann sie ausgesprochen häufig sein. Kleinfische sind in der Natur immer auch Beutetiere. Entsprechend müssen sie Verluste kompensieren können. Darum gibt es gewöhnlich keine individuenarmen Kleinfischpopulationen.

Hypsolebias faouri ist ein typischer annueller Killifisch. Das bedeutet, die Art lebt in Gewässern, die im Laufe der Jahreszeiten vollständig austrocknen. Wenn das geschieht, müssen alle Fische sterben. Die Art überlebt nur in Form ihrer Eier, die sie im Bodenschlamm abgelegt hat. Bisher hat man Hypsolebias faouri nur in einem einzigen Tümpel in Brasilien gefunden. Dieser Tümpel liegt rund 100 km nördlich der Stadt Barreiras; das Wassereinzugsgebiet, in dem der Tümpel lokalisiert ist, gehört zum Rio Sao Francisco. Dieser Tümpel ist maximal 130 cm tief (durchschnittlich 100cm), hat sandig-lehmigen Bodengrund und eine relativ reiche Vegetation (Seerosen und Echinodorus). Normalerweise liegt die Regenzeit in den Monaten Dezember bis März, danach beginnt der Tümpel, nach und nach auszutrocknen. Leider haben Bewohner einer Siedlung, die nahe des Tümpels wohnen, an einer Stelle den Boden so weit vertieft, dass er dort ganzjährig Wasser führt. Dort haben sie Buntbarsche (Astronotus und Tilapia) als Speisefische eingesetzt. Wenngleich es für die Hypsolebias faouri kein Problem ist, das alljährliche komplette Aussterben aller Individuen zu überstehen, stellen die Buntbarsche eine ernsthafte Gefahr dar. Denn sie wandern sofort, wenn die Regenfälle beginnen, in den wieder mit Wasser gefüllten Tümpel ein und fressen die Killifische.

Somit muss man Hypsolebias faouri leider nicht nur als einen der seltensten Fische der Welt bezeichnen, sondern auch als einen am stärksten vom Aussterben bedrohten. Glücklicherweise gibt es keinerlei Handelsbeschränkungen für die Art; solche Handelsbeschränkungen würden nämlich die Erhaltungszucht im Aquarium unnötig erschweren und den freilebenden Beständen gar nichts nützen.

Hypsolebias faouri lässt sich unter Aquarienbedingungen gut nachzüchten. Die Art ist untereinander ausgesprochen friedlich, was man von ihren Gattungsgenossen nicht gerade oft sagen kann. Natürlich gehören diese Spezialistenfische in Spezialistenaquarien. Diese brauchen gar nicht groß sein. Das Wasser am Naturstandort ist weich und ganz leicht sauer (pH 6,5). Die Wassertemperatur beträgt 25-28°C. Zum Ablaichen tauchen Hypsolebias faouri, wie alle Hypsolebias, tief in den Bodengrund ein. Gut ausgekochter Torf (in diesem Fall kann man die Verwendung kleiner Torfmengen auch als ökologisch korrekter Mensch rechtfertigen) hat sich dafür bewährt. Eine entsprechend große, mit Ablaichsubstrat gefüllte Schale kann in ein ansonsten kahl gehaltenes Aquarium gestellt werden, um den Laich leicht zu bergen. Für ausführliche Zuchtanleitungen wird auf die reichlich vorhandene Spezialliteratur verwiesen.

Die kurzlebigen Killifische haben eine hohe Stoffwechselrate. Häufige und kräftige Fütterung ist deshalb wichtig.

Quelle: Frank Schäfer – Aquarium Glaser GmbH

Matthais AI

Matthias Wiesensee

Aquarianer, Wirtschaftsinformatiker, Online Marketing Manager. Liebt Fotografie, Badminton & Inlineskating. Nutzt die Freizeit für die Aquaristik, den Gartenteich und den Hund.
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