Ein Rezept fürs Scapen – Der Weg zur erfolgreichen Teilnahme am Wettbewerb
Saftig grüne Pflanzen bewegen sich sanft in der Strömung. Das Licht hinterlässt verspielte Schatten zwischen natürlich anmutenden Gesteinsformationen. Verwittertes Treibholz wird von Farnen und Moosen besiedelt. Ein ausdrucksstarkes Layout – ein wunderschönes Aquarium. Um diese Illusion für einen Messebesucher, Juror oder sich selbst innerhalb weniger Stunden zu erzeugen, sollte man entweder ein begnadeter Künstler mit den richtigen Eingebungen und Ideen zur richtigen Zeit oder ein erfahrener Aquascaper mit präzisen, einstudierten Handgriffen sein. Ist man wie ich weder Genie noch Routinier, so ist eine gute Vorbereitung sachdienlich, um erfolgreich an einem Live-Scaping Wettbewerb teilzunehmen. Die in der letzten Ausgabe der aquaristik präsentierten Aquarien haben eindrucksvoll gezeigt, wie beliebt Aquascaping noch immer ist, und ich hoffe meine Tipps helfen einigen Lesern, sich ebenfalls daran zu versuchen.


1. Inspiration
Am Anfang steht die Idee, die den Grundstein für unser Projekt legt. Sie motiviert uns, Zeit zu investieren, und sie Realität werden zu lassen. Es gibt verschiedenste Quellen der Inspiration, und es lassen sich unzählige Beispiele für Aquascapes über einfache Bildersuchen im Internet finden. Bücher und Zeitschriften mit Abbildungen von Aquarien oder (Unterwasser-)Landschaften sind eine weitere Möglichkeit. Eine gute Zoohandlung mit schönen Schauaquarien ist ebenfalls Gold wert, zumal der Händler über den visuellen Eindruck hinaus gegebenenfalls beratend zur Seite stehen kann. Besonders schön und besinnlich kann aber auch das Sammeln von Impressionen in der Natur sein. Wälder, Berge, Täler, Seen, Flussläufe, Gebirgsbäche oder Wasserfälle bieten einzigartige Bilder, die in Ausschnitten im Glaskasten nachempfunden werden können. Ein kleiner „Geheimtipp“ zur Inspiration ist aber auch der Gang zum Floristik-Fachgeschäft. Es lohnt sich, über den Tellerrand hinauszuschauen und zu bewundern, wie Pflanzen zu kleinen Kunstwerken arrangiert werden.

2. Planung
Parallel zur Phase der Inspiration darf bereits an konkreten Ideen gearbeitet werden. Möchte man einen Wald oder Dschungel nachempfinden? Hat man die Absicht, eine Landschaft im Miniaturformat mit viel Tiefenwirkung zu erschaffen? Möchte man einen besonderen Stein in Szene setzen und nach den traditionellen Vorgaben des Iwagumi arbeiten? Oder möchte man mit Wurzeln, Steinen und Pflanzen eine möglichst natürlich wirkende Unterwasserszene, ein so genanntes Nature Scape, gestalten? In vielen Fällen bietet es sich an, den goldenen Schnitt zu beachten sowie als Form ein Dreieckslayout, Insellayout, oder V- bzw. Tallayout zu wählen.
Für einen Live-Contest sollte es nicht der Anspruch sein, das nächste Gewinnerbecken des IAPLC (International Aquatic Plant Layout Contest) zu gestalten, denn diese Becken werden über Monate zielgerichtet für ein einziges Foto aufgebaut. Es müssen also Abstriche im Detaillierungsgrad, der Komplexität und der Pflanzenpracht gemacht werden. Dennoch sollte es möglichst interessant wirken. Vermutlich macht dieser Spagat ein gutes Live-Contest Aquarium aus. Für eine genauere Planung kann man je nach Vorliebe verschiedene Skizzen auf Papier oder am Computer erstellen. Ich tausche sehr gerne verschiedene Elemente im gezeichneten Aquarium mit ausgeschnittenen „Schnipseln“ aus, um so zum Beispiel den am stimmigsten passenden Hintergrund auszuwählen.

Und wie für fast alles im Leben, schadet es auch beim Planen eines Aquascapes nicht, einen Plan B zu haben, falls die vor Ort vorgefundenen Wurzeln oder Steine sich nicht für die Umsetzung von Plan A eignen.
3. Materialien
Je nach Live-Contest ist es gut möglich, dass die Art des Hardscapes (Wurzeln, Steine, Sand) sowie Pflanzen bereits vorab ausgewählt werden müssen. Bei „The Art of the Planted Aquarium 2025“ konnte zwischen Spiderwood und Driftwood sowie verschiedenen Steinarten ausgewählt werden. Es ist für die Planung äußerst sinnvoll, sich die Materialien im Internet oder noch besser live im Fachhandel, vorab anzuschauen.
Man sollte sich die Frage stellen, ob man lieber Steine mit oder ohne geometrisch wirksame Struktur verwenden möchte. Lavasteine oder Flusskiesel können deutlich schneller und in nahezu jeder räumlichen Orientierung in ein Becken eingebaut werden. Bei strukturstarken Steinen muss unbedingt auf die Ausrichtung geachtet werden, da eine zufällige Anordnung hier schnell unnatürlich wirkt. In der Natur verlaufen Linien im Gestein meist parallel.
Bei der Holzauswahl muss beachtet werden, dass das gestellte Holz nicht gewässert oder vorgereinigt ist. Deshalb muss jedes kleine Stückchen Holz verklebt und beschwert werden, da es ansonsten beim Befüllen des Beckens auftreiben würde. Auch ist die Farbe mitunter noch nicht typisch dunkelbraun, sondern wie im Falle von Spiderwood hellbraun bis leicht orange. Je mehr Holz im Becken verwendet wird, umso wichtiger wird ein zweiter Wasserwechsel während des Wettbewerbs, um die Färbung des Wassers durch ausgeschwemmte Huminstoffe zu reduzieren.
Die aber vermutlich wichtigste Entscheidung ist die Auswahl der Pflanzen. Pflanzen haben in einem Live-Contest keine Zeit zu wachsen oder sich auszubreiten. Es wird also direkt eine große Pflanzenmenge benötigt. Kahle Stellen, bei denen der Bodengrund sichtbar ist, können schnell an ein Blumenbeet erinnern, bzw. frisch eingerichtet aussehen.
Die meisten Aquarienpflanzen werden emers (an Land) gezogen. Die Umstellung auf ihre, auf das Leben unter Wasser angepasste, submerse Form kann Wochen benötigen. Viele Stängelpflanzen wie z.B. Rotala rotundifolia haben emers ein anderes Erscheinungsbild als submers. Auch wachsen viele Pflanzen über Wasser „krautiger“ bzw. stärker verschnörkelt und nicht so geradlinig, wie es ihnen in der Schwerelosigkeit und Strömung des Wassers möglich ist. Es ist deshalb ratsam, Pflanzen zu verwenden, deren emerse Form der submersen stark ähnelt oder die direkt submers gezogen wurden. Die meisten Topfpflanzen sowie meines Wissens alle in-vitro Pflanzen werden emers gezogen. Bundpflanzen hingegen werden submers gezogen.
Pflanzen der gleichen Art sind im Topf meist größer als in in-vitro Bechern. Dafür erhält man in in-vitro Bechern oft mehr einzelne Pflänzchen. Um eine verstärkte Tiefenwirkung zu erzielen, kann man z. B. eine Anubias barteri var. nana aus dem Topf im Vordergrund und eine aus dem in-vitro Becher in den Mittelgrund pflanzen.
Sollte Moos verwendet werden, ist es von Vorteil, bereits auf Holz gewachsenes Moos zu wählen. Es kann, falls das Stück Holz nicht direkt passend in das Aquarium eingebaut werden soll, vorsichtig vom Trägerholz gelöst und auf die Zielstruktur geklebt werden. So wird der Eindruck erzeugt, dass das Moos bereits natürlich gewachsen ist. In dieser Frage kann aber auch das Budget entscheiden, denn der Preis von angewachsenem Moos ist bei weitem höher als bei, in Bechern gelieferten Moosportionen.


4. Wettbewerb
Mit einem klaren Plan des zu erstellenden Aquascapes, besser noch auf Papier oder dem Bildschirm visualisiert, kann man in freudiger Erwartung auf den Wettbewerb hin fiebern. Dabei sollte man aber nicht vergessen, rechtzeitig Werkzeug und Material zu packen. Wenn endlich der große Tag gekommen ist, kann in einem ersten Schritt das zur Verfügung stehende Hardscape gesichtet und entschieden werden, ob Plan A damit umsetzbar ist, oder Plan B sonst greift.
Nach finaler Entscheidung gilt es, zügig aber ohne Panik zu starten. Bei einem Live-Contest sollte die Komponente Zeit nicht vernachlässigt werden. Bei mir hat es sich beim zweitägigen Wettbewerb als sinnvoll erwiesen das nahezu fertige Hardscape am ersten Abend zu fluten und zu Beginn des zweiten Tages wieder komplett abzulassen. Damit können erste leicht lösliche Farbstoffe im Holz sowie Trübstoffe von Steinen, Sand und Bodengrund entfernt werden. Nach dem Bepflanzen kann das Becken erneut geflutet und der Filter mit Filterwatte „vollgestopft“ werden. Pflanzen können bei Bedarf mit der Pinzette und Schere zurechtgelegt sowie getrimmt werden. Wenn genug Zeit vorhanden ist, kann ein zweiter Wasserwechsel durchgeführt werden. Auch wenn ich als in Geduld geübter Aquarianer wenig von chemischen Wasserklärern halte, um Trübstoffe im Wasser zu binden, kann aufgrund der mangelnden Zeit über eine Zugabe nachgedacht werden, um bis zur Bewertung der Jury kristallklares Wasser zu erhalten. Es sollten aber in jedem Fall aufgetriebene Soilkörner, Pflanzenteile und Holzstückchen abgekeschert werden. Zum letzten Feinschliff gehört auch, ggf. auf dem Sand verbliebene Soilkörner mit einem Magneten abzusammeln und die nach dem Befüllen typischen Luftbläschen von der Scheibe zu entfernen.


Grundsätzlich empfehle ich aber vor allem, das Event zu genießen und mit eigener Freude und kollegialem, hilfsbereitem Verhalten zu einer unvergesslichen Zeit für alle Teilnehmer beizutragen. An einem Live-Scaping-Wettbewerb kann durch den Erfahrungsaustausch mit Gleichgesinnten unglaublich viel Neues gelernt und der ein oder andere Trick und Kniff ins Portfolio übernommen werden. Darüber hinaus bietet er eine Plattform, um neue Kontakte mit sympathischen Menschen zu knüpfen oder alt-bekannte Gesichter wieder zu treffen. Demnach ist für mich ein Wettbewerb in der Scaping-Szene, unabhängig von der finalen Platzierung, immer ein Erfolg.

