Von einem unbekannten Salmler mit ruppigem Sozialverhalten über einen seltenen Bratpfannenwels bis zum strömungsliebenden Steinträger-Buntbarsch: vier Arten mit ganz eigenen Ansprüchen.
Neuimporte und seltene Zierfische machen für viele Aquarianer den besonderen Reiz der Aquaristik aus. Immer wieder gelangen Aquarienfische aus verschiedenen Regionen Süd- und Mittelamerikas in den Handel, die noch nicht sicher bestimmt sind, lange Zeit nicht verfügbar waren oder besondere Ansprüche an die Haltung stellen. Wer solche Raritäten pflegen möchte, sollte sich vor dem Kauf gründlich informieren. Endgröße, Sozialverhalten, Wasserqualität, Beckengröße und Ernährung entscheiden darüber, ob sich ein Fisch langfristig im Aquarium wohlfühlt. In der Reihe „Raritäten & Neuimporte im Fokus“ stellt my-fish.org aktuelle Arten vor und ordnet ein, worauf es bei Pflege, Vergesellschaftung und Vermehrung ankommt. Die vorliegende Ausgabe zeigt, wie unterschiedlich die Anforderungen ausfallen können. Sie reichen von genügsamen Arten, die sich mit gewöhnlichem Leitungswasser begnügen, bis zu Spezialisten, die Platz, Strömung und sehr saubere Wasserverhältnisse verlangen.

Moenkhausia cf. naponis – Naponis-Salmler (PE)
Aus Peru wurde erstmals ein bislang unbekannter Salmler importiert, der als „Moenkhausia naponis“ angeboten wurde. Tatsächlich zeigt der Fisch einige Übereinstimmungen mit dieser Art, die aus dem oberen Amazonasgebiet Ecuadors und Perus bekannt ist. Dazu gehören der deutlich ausgeprägte Längsstreifen, der unter der Rückenflosse beginnt, und ein Schulterfleck, der stimmungsabhängig doppelt erscheint. Weil es aber auch Abweichungen zur Beschreibung von M. naponis gibt, wird der Fisch vorerst als Moenkhausia cf. naponis geführt. Erscheinungsbild und Verhalten erinnern zudem an den ebenfalls aus Peru stammenden Apricot-Tetra Dectobrycon armeniacus. Nicht auszuschließen ist, dass es sich um eine wissenschaftlich noch unbeschriebene Dectobrycon-Art handelt.
Bemerkenswert ist das Sozialverhalten der etwa 5 bis 6 cm groß werdenden Tiere. Salmler gelten meist als friedfertige Schwarmfische, doch dieser Neuimport verhält sich deutlich anders und tritt merklich aggressiver auf. Bei Gefahr schließen sich die Tiere zwar zu einem Trupp zusammen. In einer Gruppe von fünf Tieren wurde jedoch beobachtet, dass das stärkste Tier die Artgenossen bedrängt und in eine Ecke treibt. Die Fische sollten daher nur in größeren Gruppen von mindestens zehn Exemplaren und in möglichst großen, strukturreichen Aquarien gepflegt werden.
Bei der Wasserbeschaffenheit ist die Art unkompliziert. Für die Pflege ist gewöhnliches Leitungswasser bei Temperaturen von 22 bis 28 °C in der Regel ausreichend. Für die Zucht ist vermutlich weiches, saures Wasser günstig. Als Allesfresser nimmt der Salmler übliche Fischnahrung an. Die eigentliche Herausforderung liegt im Sozialverhalten: Als recht aggressiver Schwarmfisch ist er kein klassischer Bewohner eines friedlichen Gesellschaftsaquariums.






Pterobunocephalus aff. dolichurus – Weißer Zwergbratpfannenwels (PE)
Dieser auffällige, klein bleibende Bratpfannenwels aus Peru war lange Zeit nicht im Handel. Zuletzt wurde er 2010 importiert und damals anhand der verfügbaren Literatur als Pseudobunocephalus cf. bifidus bestimmt. Nach heutigem Kenntnisstand ist das nicht mehr haltbar. Die weißen Zwergbratpfannenwelse gehören eindeutig zur Gattung Pterobunocephalus. Von den übrigen Bunocephalus-artigen Bratpfannenwelsen unterscheiden sie sich durch die lange Afterflosse mit 10 bis 20 Strahlen, während die anderen nur 5 bis 10 Strahlen in einer erheblich kürzeren Afterflosse haben. Am besten erkennt man das beim Schwimmen, das die Tiere allerdings nur selten zeigen.
Die Gattung ist sehr überschaubar und umfasst nur drei gültige Arten. Die jüngste, P. carvalhoi, wurde 2026 beschrieben. Sie stammt aus dem oberen Amazonas-Einzugsgebiet Ecuadors (Napo, Pastaza, Putumayo), ist völlig anders gefärbt und besitzt mit 10 bis 11 Strahlen deutlich weniger Afterflossenstrahlen. Die beiden anderen Arten sind weit verbreitet, P. dolichurus ist unter anderem auch aus Peru belegt. Die weißen Tiere werden aktuell P. dolichurus zugeordnet, denn die Originalbeschreibung nennt eine mehr oder weniger einfarbige Art mit 16 Afterflossenstrahlen. Da der Typusfundort von P. dolichurus jedoch im brasilianischen Rio Trombetas liegt, ist die Zuordnung der peruanischen Tiere vorläufig. Grant (2021) führt diese Fische als P. aff. dolichurus.
Eine Besonderheit dieser Tiere ist das Verhalten bei Beunruhigung: Am Boden liegend machen sie ein Hohlkreuz, das bei anderen Bratpfannenwelsen nach bisherigen Beobachtungen nicht vorkommt. Bratpfannenwelse gelten als sehr friedlich, sowohl untereinander als auch gegenüber anderen Fischen. Feiner Sandboden, in den sich die Tiere eingraben können, wird gern angenommen, ist aber keine Voraussetzung. Da die Fische nachtaktiv sind, sollte zumindest während der Eingewöhnung auch nach dem Ausschalten des Lichts etwas gefüttert werden.
Mit einer Endgröße von etwa 6 bis 7 cm bleibt die Art klein. Beim Futter ist sie anspruchslos und nimmt kleines Lebendfutter sowie Futtertabletten an. Die Temperatur sollte bei 22 bis 28 °C liegen, und die Wasserwerte sind für die Pflege unkritisch. Zur Zucht ist vermutlich weiches, saures Wasser günstig. Für die Gattung ist Brutpflege belegt: Die Weibchen tragen die Eier bzw. Embryonen direkt an der Bauchseite angeheftet mit sich. Auch bei diesen Tieren ist ein solches Verhalten zu erwarten.






Amatitlania nanolutea – Panama-Zwergbuntbarsch (PA)
Wer einen Zwergbuntbarsch sucht, der bei der Zucht nicht die relativ hohen Ansprüche an die Wasserbeschaffenheit stellt wie viele Apistogramma- oder Dicrossus-Arten, findet in Amatitlania nanolutea eine gute Wahl. Der kleine Buntbarsch ist ein Endemit der Atlantikseite Westpanamas und kommt im Einzugsgebiet des Río Guarumo (Provinz Bocas del Toro) vor. Er bleibt mit etwa 7 bis 8 cm Gesamtlänge klein und kommt mit üblichem Leitungswasser gut zurecht, in dem er auch laicht. Die Tiere sind auffällig gelb gefärbt, und die Weibchen erkennt man am dunklen Fleck in der Rückenflosse.
Die Art ist ein Höhlenbrüter und laicht bevorzugt an geschützten Stellen wie Höhlen oder Spalten. Beide Elternteile pflegen den Laich und bewachen gemeinsam die Jungtiere. Verhalten und Fortpflanzung entsprechen damit dem, was man von den nahe verwandten Zebra- und Sträflingsbuntbarschen kennt, nur eben im Kleinformat. Wie bei brutpflegenden Buntbarschen üblich, ist zur Laichzeit mit Revierverhalten zu rechnen. Deshalb sollte das Aquarium Rückzugsmöglichkeiten und Sichtbarrieren bieten.
Am besten hält man die Art paarweise. Das Paar sollte sich dabei aus einer Gruppe jugendlicher Tiere selbst finden können. Die Temperatur liegt bei 22 bis 28 °C, und als Allesfresser nimmt der Buntbarsch übliches Fischfutter an. Für Aquarianer, die Zwergbuntbarsche mit Brutpflege beobachten möchten, aber keine Spezialisierung auf weiches, saures Wasser betreiben wollen, ist die Art damit eine gut geeignete, vergleichsweise unkomplizierte Wahl.






Retroculus lapidifer – Steinträger-Buntbarsch (BR)
Die vier Retroculus-Arten waren und sind in der Aquaristik extreme Seltenheiten. Retroculus lapidifer aus Brasilien (unter anderem Rio Tocantins und Rio Araguaia) ist nur ab und zu und stets in sehr begrenzter Stückzahl erhältlich. Die Tiere auf den Bildern dieser Ausgabe messen 8 bis 10 cm, ausgewachsen werden sie etwa 20 bis 25 cm lang. Trotz äußerlicher Ähnlichkeit sind Retroculus nicht näher mit den Geophagus-Arten verwandt. Sie bilden eine eigene Unterfamilie, die Retroculinae, und gelten als die ursprünglichste Linie der neotropischen Buntbarsche.
Bei Retroculus ist die Schwimmblase stark reduziert, sodass die Tiere nicht frei im Wasser schweben können. In der Natur leben die Fische in Stromschnellen und deren unmittelbarer Nähe. Bei Gefahr flüchten sie in die starke Strömung, in die ihnen kaum ein anderer Fisch folgen kann. Nach überstandener Gefahr ruhen sie gern in ruhigem oder stehendem Wasser aus. Im Aquarium sind deshalb kräftige Filterung und gute Strömung wichtig, zumal Retroculus empfindlich auf Verschmutzungen reagieren. Ebenso wichtig sind ausgeprägte Ruhezonen.
Der Artname „lapidifer“ bedeutet „Steinträger“. Bereits 1855 wurde berichtet, dass die Tiere Nester aus Steinen anlegen und die Steine einzeln im Maul zum Nest tragen. Im Aquarium wurde bei Retroculus-Arten bereits gelaicht, und vereinzelt gelang auch die Aufzucht von Jungtieren. Für Zuchtversuche ist ein möglichst großes Aquarium sinnvoll, da die Nestgrube etwa 60 cm Durchmesser haben kann. Für die Pflege einer Gruppe erwachsener Tiere wird eine Grundfläche von mindestens 210 × 60 cm empfohlen.
Retroculus sollten in einer Gruppe von mindestens vier Tieren gepflegt werden, da sie sonst scheu werden. Der Bodengrund sollte hauptsächlich aus feinem Sand bestehen, den die Fische häufig nach Nahrung durchwühlen. Im Biotop ernähren sie sich vor allem von Insektenlarven, die sie im Bodengrund aufspüren. Die Art ist daher überwiegend ein Fleisch- bzw. Insektenfresser. Im Aquarium werden übliche Fischfutter meist angenommen, ein hoher Anteil tierischer Nahrung entspricht aber ihrer natürlichen Ernährung. Empfohlen wird weiches, leicht saures Wasser (pH 5,5 bis 6,8). Im Rio Araguaia wurden allerdings pH-Werte von 5,8 bis 8,0 und Wassertemperaturen von etwa 26 bis 31 °C gemessen. Im Aquarium sind 22 bis 28 °C angemessen, zur Zucht etwa 2 °C mehr. Der Steinträger-Buntbarsch gilt als vergleichsweise friedlich und besitzt eine ausgeprägte Sozialstruktur.






