Krebse im Berliner Südpark – Procambarus clarkii in Spandau etabliert
Der Südpark ist eine wunderschöne Grünanlage im Spandauer Ortsteil Wilhelmstadt und erstreckt sich über sechs Hektar. Der lang gezogene Südparkteich in seiner Mitte wird dank seiner reichen Flora und Fauna gerne von begeisterten Tierfotografen besucht. Hier ist auch Kevin Stockton im Sommer regelmäßig unterwegs und fotografiert größtenteils Vögel, und im August letzten Jahres wurde er auf einige Krebse aufmerksam. Durch seine Erfahrung mit der Haltung von Zwerggarnelen und Krebsen war ihm schnell klar, dass es sich nicht um eine heimische Art handeln konnte. Ihre leuchtend rote Färbung fiel ihm sofort ins Auge: Es handelte sich offenbar um den Louisiana-Sumpfkrebs oder Roten Amerikanischen Sumpfkrebs Procambarus clarkii.
Im Oktober kehrte Kevin zusammen mit seinem Freund Mike in den Südpark zurück. Da beide begeisterte Sporttaucher sind, war das nötige Equipment bereits vorhanden. Ausgestattet mit Trockentauchanzug, Kescher und Unterwasserkameras ging es also ins Wasser, und schnell zeigten sich einige der knallroten Krebse. So entstanden einige schöne Videoaufnahmen und Fotos der Krebse zwischen Laub, Ästen und Wasserpflanzen. Einige der Tiere konnten sie keschern und sie an Land fotografieren.

Invasive Art
Amerikanische Sumpfkrebse werden in der Hauptstadt allerdings zunehmend zur Plage. Doch wie sind die Schalentiere dort überhaupt hingekommen – und was macht sie zu einem solch großen Problem?
Procambarus clarkii zog in den letzten Jahren zunehmend Aufmerksamkeit auf sich – leider nicht im positiven Sinne. Ursprünglich stammt die Krebsart aus dem Süden der USA, wo sie in warmen, stehenden oder langsam fließenden Gewässern lebt. Durch menschliches Zutun hat sich die Art inzwischen weltweit verbreitet – auch in Berlin, wo er mittlerweile fest in vielen Teichen, Kanälen und Seen vorkommt.

Vom Aquarienbewohner zum Problemfall
In Europa wurde der auffällige rot gefärbte Louisiana-Sumpfkrebs lange Jahre als Aquarien- und Teichtier gehandelt. Viele Halter wussten jedoch nicht, dass die Tiere schnell wachsen, sich häufig häuten, sich gut vermehren – und als grabende Krebse das Aquarium sehr gerne „umgestalten“. Procambarus clarkii gilt zudem als guter Speisekrebs, der als Delikatesse gezüchtet und gehandelt wird, und so kam es, wie es kommen musste: Einige entkamen, andere wurden ausgesetzt, und so landeten sie in heimischen Gewässern. In den zahlreichen Wasserwegen Berlins wie dem Landwehrkanal, dem Tiergartenteich oder den Seen in Treptow und Charlottenburg findet der invasive Flusskrebs ideale Lebensbedingungen vor.
Seit 2016 steht Procambarus clarkii auf der Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung der EU (kurz: EU-Verbotsliste) und darf damit in der Europäischen Union weder importiert, gehalten, vermehrt noch weitergegeben werden. Diese Entscheidung kam für viele Biotope allerdings um Jahrzehnte zu spät.
Ein starker Überlebenskünstler
Seine enorme Anpassungsfähigkeit und Vermehrungsfreude macht den Roten Amerikanischen Sumpfkrebs so erfolgreich. Er verträgt sowohl warme als auch kältere Temperaturen, überlebt in verschmutztem Wasser und kann sogar für kurze Zeit an Land gehen. In Trockenperioden gräbt er sich in den Boden ein und wartet dort auf bessere Bedingungen. Diese Überlebensstrategien machen es nahezu unmöglich, ihn wieder vollständig zu entfernen. Anders als heimische Flusskrebse vermehrt er sich mehrmals im Jahr.
Darüber hinaus ist Procambarus clarkii ein Allesfresser. Er frisst Pflanzen, Insektenlarven, Schnecken, Fischlaich und auch tote Tiere. Dadurch verändert er das ökologische Gleichgewicht ganzer Gewässer. Besonders bedrohlich ist aber seine Rolle als Überträger der Krebspest (Aphanomyces astaci). Der Algenpilz ist für europäische Flusskrebsarten wie den Edelkrebs (Astacus astacus), den Steinkrebs (Austropotamobius torrentium) oder den Dohlenkrebs (Astacus leptodactylus) praktisch immer tödlich und verursacht in der Regel wahre Massensterben in den Biotopen. Während Procambarus clarkii selbst immun ist, verbreitet er den Erreger weiter – mit verheerenden Folgen für die heimische Fauna.

Auswirkungen auf Natur und Umwelt
Neben den katastrophalen Auswirkungen auf die heimische Tierwelt richtet der Sumpfkrebs auch bauliche und ökologische Schäden an. Durch seine Grabtätigkeit unterhöhlt er Uferbereiche, Dämme und Teichränder. Das kann Böschungen instabil machen und zu Erosion führen. Gleichzeitig zerstört er wertvolle Lebensräume für Fische, Amphibien und Wasserpflanzen.
Was getan werden kann
Die Stadt Berlin steht – wie viele andere Regionen – vor der Herausforderung, den Bestand des Roten Amerikanischen Sumpfkrebses zu kontrollieren. Regelmäßig werden Fangaktionen durchgeführt, um die Population einzudämmen. Dennoch ist ein vollständiger Rückgang kaum möglich, da sich die Tiere sehr schnell vermehren und schwer zu fassen sind.
Fazit
Der Rote Amerikanische Sumpfkrebs Procambarus clarkii ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie eine eingeschleppte Tierart ganze Ökosysteme aus dem Gleichgewicht bringen kann. Sein Vordringen in Berliner Gewässer gefährdet nicht nur die heimischen Flusskrebse, sondern auch das ökologische Gleichgewicht vieler Lebensräume.
Für Aquarianer und Naturfreunde bedeutet das: Verantwortung übernehmen, informiert handeln – und sich bewusst machen, dass jede Entscheidung im Umgang mit Tieren Folgen für die Natur haben kann. Nur so lassen sich Berlins Gewässer als Lebensräume für unsere einheimische Tierwelt langfristig erhalten.

