Huminstoffe und Gerbstoffe im Aquarium – Wundermittel oder Hokuspokus?
Immer wieder fallen in der Aquaristik die Stichworte „Huminstoffe und Gerbstoffe“, und gerade für Garnelenhalter sind sie interessant – kommen unsere Tiere doch häufig in Gewässern vor, in denen hohe Konzentrationen davon vorhanden sind. Aber was ist dran an den vermeintlichen Wundermitteln?

Erlenzapfen im Aquarium
Schon lange kennen wir uns in der Aquaristik die günstige Wirkung von Erlenzapfen und Pflanzenextrakten. Praktische Erfahrungen von Züchtern und Haltern zeigen, dass ein solches Aquarienwasser offenbar tierfreundlicher ist als pures Leitungswasser. Es nimmt außerdem einen schönen bernsteinfarbenen Ton an, der die Farben der Fische und Wirbellosen intensiver strahlen lässt und dem Aquarium insgesamt einen weicheren Anblick verleiht – aber das nur nebenbei.
Warum Humin- und Gerbstoffe zugeben?
Was die aquaristische Literatur grundsätzlich zum Thema „Pflanzenteile und Pflanzenextrakte in der Aquaristik“ hergibt, lässt sich schnell zusammenfassen. In der Aquarienpraxis werden Huminstoffe und Gerbstoffe vorwiegend eingesetzt, um das Wasser biotopgerecht aufzubereiten, das Aquarienwasser leicht anzusäuern und den pH-Wert zu senken und durch ihre Pufferwirkung in einem bestimmten Bereich zu halten. Empfohlen werden sie auch, um Stress bei den Aquarienbewohnern zu mildern, um ihre Haut und auch die Laichhüllen leicht zu „gerben“ und dadurch gegen das Eindringen unerwünschter Keime widerstandsfähiger zu machen.
Zudem können sie unerwünschte Schadstoffe binden und den osmotischen Wert des Wassers günstig beeinflussen. Etwaige Pflanzen im Aquarium sollen als Nebeneffekt mit sofort verfügbaren Nährstoffen versorgt und Krankheitserreger in ihrem Wachstum gehemmt werden.
Die Zugabe zum Aquarium
Diese Stoffe werden üblicherweise durch eine Filterung über Torf oder die regelmäßige Zugabe von flüssigen Torfextrakten zum Aquarienwasser eingebracht, manch einer gibt sogar Braunkohle oder Braunkohleextrakte zum Aquarienwasser hinzu. Sie gelangen durch die Zugabe von Erlenzapfen, Walnussschalen, Seemandelbaumblättern, Seemandelbaumrinde, braunem Eichenlaub, Buchenlaub und so weiter ins Aquarium. Extrakte aus Eichen-, Weiden- oder Erlenrinde sind ebenfalls gängig, ebenso wie ein Sud aus Blättern oder Erlenzapfen. Eine weitere Quelle sind neue Aquarienwurzeln wie Moorkien oder Mopani, die das Aquarienwasser in der Anfangsphase ordentlich färben können.
Der Unterschied
Auf Produktetiketten und in der aquaristischen Literatur wird leider nur selten zwischen Huminstoffen und Gerbstoffen unterschieden – was schade ist, gibt es zwischen beiden Substanzen doch wichtige Unterschiede. Um sie gezielter einsetzen zu können, müssen wir die Praxis daher mit ein wenig Theorie unterfüttern.

Huminstoffe
Die dunkel gefärbten Huminstoffe werden biologisch nur sehr langsam abgebaut. Die amorphen zyklischen Verbindungen entstehen bei einer unvollständigen Mineralisierung organischen Materials – immer dort, wo Laub zerfällt, Holz vermodert oder überhaupt Pflanzenmasse zersetzt wird. Sie enthalten die Elemente Kohlenstoff (C), Sauerstoff (O), Wasserstoff (H) und Stickstoff (N). Ihr Anteil in Gartenerde beträgt rund 5 %. Torf dagegen entsteht aus in nasser Umgebung unvollständig zersetzten Pflanzenresten und enthält etwa 50 % Huminstoffe. Neben Torf ist auch junge Braunkohle sehr huminstoffhaltig.
Bodeneigene Huminstoffe werden unterteilt in wasserunlösliche Humine und Humuskohle sowie in die aquaristisch interessanten wasserlöslichen Humussäuren (Huminsäuren, Fulvosäuren), die im Wasser kolloide Lösungen bilden, und ihre Salze, Humate und Fulvate.
Der pH-Wert von Humin- und Fulvosäuren liegt um 3-3,5. Sie enthalten Karboxyl- und Hydroxylgruppen, die Schadstoffe binden und unschädlich machen können und den hohen Säuregehalt festlegen, der stark bakterien- und pilzhemmend wirkt. Fulvosäuren enthalten anteilig mehr Karboxylgruppen und weniger Stickstoff als Huminsäuren und fungieren zusätzlich als wichtige pH-Puffer.
Humate und Fulvate sind die Salze der Humin- und Fulvosäuren. Sie verbessern die Bildung von Chelaten und verstärken so die Fähigkeit der Pflanzen, Nährstoffe aufzunehmen. Das betrifft ganz besonders Stickstoff, Phosphor, Eisen, Kupfer, Zink, Mangan, Bor und Molybdän.

Gerbstoffe
Gerbstoffe oder Gerbsäuren sind aromatische Verbindungen mit Phenolgruppen. Die bekanntesten sind Tannine und Flavonoide. Sie kommen in verschiedenen Pflanzenteilen vor. Erlen, Eichen, Buchen, Seemandelbäume, Zimtbäume etc. enthalten sie von Natur aus in schwankenden Anteilen. Gerbstoffe oxidieren unter Lichteinfluss schnell zu dunkel gefärbten Verbindungen. Im Wasser formen sie ähnlich wie Huminstoffe kolloide Lösungen, die das Wasser ansäuern und dadurch Krankheitserreger hemmen können. Sie verleihen dem Wasser ebenfalls den berühmten bernsteinfarbenen Ton und können den pH-Wert leicht senken. Das war’s dann aber auch schon!
Die anderen positiven Eigenschaften der Huminstoffe fehlen ihnen. Manchmal reicht es daher nicht, einfach ein paar braune Blätter ins Aquarium zu werfen!

Die Bedeutung fürs Aquarium
Huminstoffe entstehen beim Zerfall organischen Materials im Boden. Dank der guten Wasserlöslichkeit werden Fulvo- und Huminsäuren mit dem Sickerwasser in so gut wie jedes natürliche Oberflächengewässer eingetragen. Ihre Rolle für die Tierwelt in diesen Bächen ist noch nicht vollständig erforscht, sie dürften jedoch eine eminent wichtige Rolle in den Ökosystemen spielen.
Neben in Torfmooren entspringenden Bächen haben auch viele Urwaldbäche in Südamerika, Afrika und Asien einen hohen Huminstoffgehalt; am höchsten ist er im Schwarzwasser, wobei auch in Weißwasser noch ordentliche Konzentrationen messbar sind. Bei tropischen Temperaturen läuft die Humifikation von ins Wasser gefallenem Holz und Laub auf Hochtouren.
Tiere aus diesen Biotopen stehen im Aquarium stabiler, sind vitaler, vermehrungsfreudiger und farbenfroher, wenn sie nicht in reinem Leitungswasser gehalten werden. Besonders wichtig sind Huminstoffe in der Aquaristik auch als Puffer für den pH-Wert in Aquarien mit sehr weichem Wasser und niedriger bis nicht vorhandener Karbonathärte. Im Zusammenspiel mit anderen Inhaltsstoffen im Wasser puffern sie den pH-Wert in einem Bereich von 5,5 bis 7 und verhindern zuverlässig einen Säuresturz, auch wenn die KH gegen Null geht.
Die antibakteriell und fungizid wirkenden Huminstoffe können im Aquarium zudem sowohl zur Vorbeugung von Krankheiten bei den Fischen als auch unterstützend zu ihrer Behandlung eingesetzt werden. Verletzungen oder Entzündungen bei Fischen und Wirbellosen heilen in Anwesenheit von Huminstoffen nachweislich deutlich schneller ab.
