Zierfischzucht im Großhandel

Angefangen hat es im jugendlichen Alter, zu Beginn der 70er Jahre mit M. auratus; M.johanni (damals noch Pseudotropheus daviesi), Pelvicachromis pulcher und Steatocranus casuarius.

Aus drei Aquarien wurden sechs, zehn und immer mehr. Andere kennen das auch. Entzugskliniken gibt es für diese Art Sucht noch nicht.

Im Jahre 1984 war es dann so weit. Endstadium! Gewerbe angemeldet. Garage und Keller mit Aquarien vollgestopft. (15.000 Liter) Bei hartem, alkalischem Wasser (21dGH, 8,5ph) wurden überwiegend ostafrikanische Buntbarsche gezüchtet. Verkauft wurde an privat und an Zierfischhändler, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hatten. Ich hatte ständig Kontakt zu Menschen mit dem gleichen Interesse. Die Zeiten ändern sich! Der Aquarianer der neuen Zeit besitzt nur geringes Suchtpotenzial und bevorzugt große Märkte und keine Kellerhändler. Die Konsequenz: Verkauf der Nachzuchten an den Zierfischgroßhandel.

A. australe beim Ablaichen
A. australe beim Ablaichen

A. australe beim Ablaichen
A. australe beim Ablaichen

Aber warum dann noch zu Hause züchten und nicht gleich im Großhandel? Im Rhein-Main-Gebiet gibt es eine Firma, die ihre eigene Zucht aufbauen wollte. Nach zwei Minuten nicht allzu zähen Verhandlungen war alles geklärt. (Unter Süchtigen ist so etwas möglich). Alle Zuchttiere und Nachzuchten wurden an Ort und Stelle gebracht. Das Sortiment der Zierfische, die ich vermehren konnte, wurde erheblich erweitert.

Neben seltenen Lebendgebärenden, Synodontis, Sturisoma, Grundeln, Killifischen und anderen neu importierten Fischen war hier alles möglich. Schlaraffenland.

Warum macht es Sinn im Zierfischgroßhandel Tiere zu züchten? Aus ökonomischer Sichtweise werden uninteressante Arten in Asien nicht gezüchtet. Bei Buntbarschen werden nur die attraktiven Männchen geliefert. Wie kann man sich für dieses schöne Hobby begeistern, wenn der angehende Aquarianer nichts von der Balz und der Brutpflege mitbekommt? Wichtig ist die Artenvielfalt in der Aquaristik zu erhalten und nicht nur „gängige Ware“ anzubieten. Bei seltenen Zierfischen kann die Entnahme aus der Natur entfallen.

Schnell wird klar, wie klein eigentlich eine 15.000 Liter Aquarienanlage ist. Die Dimensionen in denen man sich nun bewegt sind erheblich anspruchsvoller. Mit der Größe der Anlage und der Vielfalt der Fischarten wachsen auch proportional die Probleme. Futter selbst züchten, Zuchtstämme rechtzeitig erneuern, Krankheiten frühzeitig erkennen, Filter funktionstüchtig erhalten, Nitratfilter pflegen usw. Hier könnte man viel aufzählen. Es sind nicht nur die Qualitäten als Züchter gefragt. Bei über einhundert Fischarten, die wir regelmäßig vermehren wollen, ist organisatorisches Talent genauso wichtig. Planlos Überschuss zu produzieren macht keinen Sinn. Alle drei Monate wird Statistik gemacht. Wie viel einer Fischart wurden verkauft? Wie viele sind noch vorrätig und in welcher Größe? Wann muss wieder angesetzt werden? Wie lange benötigt ein Jungfisch bis zur Verkaufsgröße?

M picta
M picta

M picta
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M picta
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Für diese vielen unterschiedlichen Fischarten muss auch für Futter gesorgt werden. Einfach ist es mit Artemia. Unsere Behälter zur Anzucht fassen bis zu 20 Liter Wasser, so dass Salinenkrebse immer ausreichend vorhanden sind. Schwieriger ist es mit dem Planktonfutter. Um regelmäßig Pantoffeltierchen füttern zu können, bedarf es bei den Kulturen einer ständigen Pflege. Wir füttern mit Kondensmilch. Die Dichte der Einzeller wird täglich mit dem Mikroskop kontrolliert. Staub-, Flocken und Granulatfutter in verschiedenen Körnungen werden je nach Fischart und Größe gefüttert.

Für unsere farbenprächtigen Nachzuchten muss auch Werbung gemacht werden. Ansprechende Fotographien sind am besten geeignet. Die Fotoaquarien werden vor jeder Aufnahme gereinigt. Nach dem Einsetzen müssen sich die Tiere einige Stunden einleben. Das erste Blitzgerät mit Streuscheibe wird zur Aufhellung des Hintergrundes auf das Aquarium gelegt. Der zweite Blitz befindet sich auf einer Schiene links oder rechts oberhalb der Kamera. Dank der Digitaltechnik hat man genug Versuche, um die richtige Einstellung der Blitzgeräte zu finden.

Ab jetzt gilt die Formel: viel Geduld = gutes Foto.

Sturisoma Larve
Sturisoma Larve

Bei Seminaren zur Schulung für Fachpersonal des Zoofachhandels und bei Besichtigungen von Besuchergruppen, stellten wir fest, dass die Zierfisch- und Reptilienzucht bei den Besuchern auf reges Interesse stieß. Das brachte uns auf die Idee Schulklassen einzuladen. Die Schüler werden in zwei Gruppen aufgeteilt und bekommen im Wechsel die Reptilien- und die Zierfischzucht gezeigt. Wollmöppe voller Melanotaeniaeiern, frisch entnommene Gelege von Synodontis oder ein N. Leleupimännchen, das aggressiv seine Bruthöhle gegen einen Finger verteidigt. All das fasziniert auch den Nichtaquarianer. In unserer Reptilienzucht kann man Schlangen anfassen, Gelege von Reptilien betrachten und viele Farbvarianten von Geckos bestaunen. Ziel dieser Vorführung ist es den Jugendlichen zu zeigen, dass es neben Fernseher und Computer noch andere interessante Dinge gibt. Mit dieser Aktion hoffen wir junge Menschen für unser Hobby zu gewinnen, damit es uns nicht so geht wie den Briefmarkensammlern. (Kennen Sie jemanden unter siebzig, der das noch betreibt?)

Aussagen, dass eine Zierfischzucht im Aquaristikgroßhandel wegen der vielen Probleme und Krankheiten nicht möglich ist, widerlegen wir jetzt seit sechs Jahren. Möglich ist das nur mit motiviertem Personal, das die Arbeit mit Leidenschaft und Disziplin ausführt und nicht pünktlich den Hammer fallen lässt. Viele eigene Nachzuchten verkaufen zu können und das Lob der Einzelhändler sind die Belohnung. Mit der eigenen Zucht von Tieren möchten wir einen Beitrag leisten, die Aquaristik in ihrer Vielfalt zu erhalten und sie anderen Menschen näher zu bringen. Damit der Aquarianer der Zukunft keine DVD einlegt und die Zierfische über den Bildschirm schwimmen, sondern weiter im Aquarium.

PS.: Falls jemand weiß, was die Begriffe Urlaub oder krank bedeuten, schreiben Sie mir.

 

Foto + Text: Walter Hilgner

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